|
||||
|
Die zehn Jungfrauen zum Evangelium am 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A; Mt 25, 1 - 13
|
||||
|
Heiliger Martin, du leuchtendes Beispiel des
Teilens, du großes Vorbild praktizierter Nächstenliebe, wie hältst du es
beim ewigen Hochzeitsmahl aus neben den fünf Frauen, die nicht bereit
waren von ihrem Öl abzugeben? Wie hältst du es aus, bei diesen fünf gar
nicht braven Mädchen, die sich geweigert haben, mit ihren Kolleginnen
schwesterlich zu teilen und ihnen aus der Patsche zu helfen? Ist ihr Verhalten nicht krasser Egoismus? Ist das
nicht mangelnde Solidarität unter Frauen? Wo bleibt da der Teamgeist? Außerdem: Wer vergisst nicht schon mal was? Wer
denkt immer an alles und hat immer alles im Blick? Wer ist immer für
alle Eventualitäten gerüstet? Es kann doch nicht sein, dass die Pointe
dieses Gleichnisses lautet: Denkt an euch selbst und schickt die andern
weg, oder?
Und das schlimme
Ende dieses Gleichnisses: In einem Lied heißt es: „Lass herein, die
draußen sind! Gott heißt jeden Sohn und Kind.“ – Keine Spur davon!
Im Gegenteil! Vergebliches Klopfen und Rufen, Ausschluss und
Rauswurf. Ist das nicht brutal hart und ganz arg grausam
von dem Bräutigam? Ist der nicht total lieblos, eiskalt und
gnadenlos? Könnte es nicht doch noch ein Schlupfloch der
Barmherzigkeit geben, auch für die Leichtsinnigen und Gedankenlosen, die
Lahmsieder und Tranfunzeln? Ob das „Ich
kenne euch nicht!“ wirklich das letzte Wort Jesu ist, der doch auch
dem reumütigen Schächer am Kreuz in letzter Minute – trotz eines total
verpfuschten und verkorksten Lebens – noch den Eingang ins Paradies
verspricht? Ob der Bräutigam am Ende vielleicht doch noch die
Tür zum Hochzeitsaal einen kleinen Spalt offenlässt? Ob er vielleicht
nicht doch Mitleid hat auch mit den weniger Klugen, Cleveren und
Gewieften?
Liebe Mitchristen! Bei der Vorbereitung dieses Vortrags bin ich auf
zwei andere Schluss-Varianten dieses Gleichnisses gestoßen.
Die erste
stammt aus dem Roman „Die letzte Versuchung“ von Nikos Kazantzakis, dem
großen griechischen Schriftsteller, der durch „Alexis Sorbas“
weltberühmt wurde: Nach einer Weile kamen die gedankenlosen
Jungfrauen mit den brennenden Lampen zurück und begannen, ans Tor zu
klopfen.
„Öffnet uns!“
riefen sie und baten, aber die verständigen Jungfrauen drinnen lachten.
„Es geschieht euch recht“,
antworteten sie, „jetzt ist das
Tor geschlossen, geht eure Wege.“ Doch sie weinten und baten:
„Öffnet uns, öffnet!“ – „Und
da…“ Jesus hielt inne und lächelte.
„Und da…?“,
fragte Nathanael, der mit offenem Mund zuhörte… „Und da, Rabbi, was
geschah da“?
„Was würdest du
tun, wenn du der Bräutigam wärst, Nathanael?“
fragte Jesus…- Nathanael schwieg. Er sah noch nicht ganz klar, was er
tun sollte. Teils wollte er sie fortjagen…, teils taten sie ihm leid und
er wollte ihnen öffnen…
„Was würdest du
tun, Nathanael, wenn du der Bräutigam wärst?“
fragte Jesus von
neuem… „Ich würde öffnen…“,
sagte er leise.
„Recht getan,
Nathanael“,
sagte Jesus froh und streckte seine Hand aus, als ob er ihn segnete. Das Gleiche tat auch der Bräutigam. Er rief den
Dienern zu:
„Öffnet das Tor,
dies ist eine Hochzeit, alle sollen essen und trinken und fröhlich sein!
Lasst die gedankenlosen Jungfrauen hereinkommen und sich die Füße
waschen, denn sie sind weit gelaufen!“
Wie gefällt Ihnen
dieser Schluss? Mir gefällt er gut. Er bestätigt das Bild eines
gütigen Gottes, den Jesus uns immer wieder vor Augen stellt:
·
wenn er die
Geschichte vom barmherzigen Vater erzählt, der dem verlorenen Sohn alle
Türen öffnet und ihn wieder in sein Haus aufnimmt;
·
wenn er mehrmals
das Wort des Propheten Hosea aufgreift:
„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“;
·
wenn er uns den Rat
gibt: „Bittet, dann wird euch
gegeben, klopft an, dann wird euch geöffnet.“ Ein sympathischer Schluss, nicht wahr? Er hat nur
einen Schönheitsfehler: Von diesem „Happy End“ steht nämlich nichts in
der Bibel.
Den zweiten
Versuch,
das Gleichnis zu Ende zu erzählen, habe ich bei Hermann-Josef Venetz,
einem Schweizer Neutestamentler gefunden: Als der Bräutigam das Klopfen hört, ließ er sich
berichten, was geschehen war. Dann zog er die Brautjungfern mit dem
Reserveöl zur Rechenschaft und sagte:
„Warum habt ihr euer Öl nicht mit
den anderen geteilt?“
„Es hätte weder
ihnen noch uns gereicht“,
antworteten sie. Darauf entgegnete der Bräutigam:
„Ist nicht das Teilen viel
wichtiger als das Licht selbst?“
– Und er öffnete die Tür, schickte die Brautjungfern weg, die
nicht bereit waren, ihr Öl zu teilen, und lud die anderen zu seiner
Hochzeitsfeier ein.
Wie gefällt Ihnen
dieser Schluss? Auch nicht schlecht, oder? Originell und
phantasievoll. Das ist der Jesus, den wir kennen. Das entspricht
dem, was Jesus den Menschen immer wieder ans Herz legt:
·
wenn er die
Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt und zur Hilfsbereitschaft
auffordert;
·
wenn er sagt:
„Wer dich bittet, dem gib, und wer
von dir borgen will, den weise nicht ab“;
·
wenn er deutlich
macht, dass unsere Barmherzigkeit der einzige Maßstab ist, an dem unser
Leben gemessen wird: „Ich war
hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben… Was ihr für einen meiner
geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Ein Jesus, der Solidarität predigt und vor
Egoismus warnt – das passt. Doch leider: dieser Schluss findet sich auch
nicht im Evangelium.
Das echte Ende der
Geschichte –
wir haben es gehört – klingt wenig herzlich. Es ist hart, unbequem und
provozierend. Und doch gibt uns der Schluss, wie er im
Evangelium überliefert ist – gerade vor dem Hintergrund der beiden
anderen Versionen – zwei wichtige Impulse.
Der erste Impuls:
Vertrau auf einen
gütigen Gott, aber bleibe wach für seinen Anspruch! Er ist nicht nur der liebe und barmherzige, der
verzeiht und ein Auge zudrückt, sondern immer auch der fordernde und
aufrüttelnde Gott, der ernstgenommen und gehört werden will; der Gott,
der uns fragt, was wir aus unseren Möglichkeiten gemacht haben; der uns
stört in unserer Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit.
Der zweite Impuls:
Teile, so viel du
kannst, aber nicht die Verantwortung für dein Leben! Für deinen Ölvorrat – um im Bild zu bleiben –
bist du ganz allein verantwortlich. Die Grundausrichtung deines Lebens,
deinen persönlichen Lebensentwurf, deine Ziele, deine Werte kannst du
nicht borgen und ausleihen. Die Verantwortung für dein Leben kannst du
nicht delegieren und an andere übertragen. Verhindern, dass du die Ölkrise kriegst und dein
geistliches Leben langsam ausbrennt, dass dein Christsein nur noch auf
Sparflamme brennt – das kannst nur du allein. Zeigen, dass du Feuer gefangen hast und dich für
die Sache Jesu begeisterst, dass das Licht deines Glaubens leuchtet –
das kann dir niemand abnehmen. Ob du die Öl-Tankstellen Gottesdienst, Gebet,
Schriftlesung, Sakramenten-Empfang nützt, oder gute Gespräche über den
Glauben, erleben von Gemeinschaft in der Gemeinde usw., ob du deinen
Ölstand regelmäßig prüfst und Reserven anlegst – das liegt allein an
dir. Das, was deine innere Flamme nährt und deinen
Glauben und Vertrauen lebendig hält, lässt sich nicht einfach von
anderen erledigen. Das ist ureigene Aufgabe von jedem und jeder selbst.
Liebe Mitchristen! Die zwei erfundenen Schlussversionen zum
Gleichnis von den zehn Jungfrauen passen meines Erachtens gut zu Jesus,
zu seiner Botschaft vom gütigen Gott und seiner Aufforderung zum Teilen. Die Impulse der unbequemen, aufrüttelnden dritten
Variante, die Matthäus uns in seinem Evangelium überliefert, die
hinterlassen jedoch den tiefsten Eindruck, zumindest auf mich:
Vertrau auf einen
gütigen Gott, aber bleib wach für seinen Anspruch!
Teile, soviel du
kannst, aber nicht die Verantwortung für dein Leben!
Und heiliger
Martin, was sagt du nun? Lebt nicht gedankenlos in den Tag hinein, sagst
du. Seht zu, sagt der, dass ihr am Ende nicht ohne Öl
dasteht, ohne das Öl lebendigen Glaubens, ohne das Öl tragfähigen
Vertrauens, ohne das Öl geduldiger Liebe! Schaut, sagst du, dass ihr ein Leben führt, das
reich ist an Güte und Freundlichkeit.
Was sagst du noch,
Martin? Du sagst: Euer Auftrag und eure Berufung als
Christen sind unteilbar. Das, was euch für Jesu Kommen bereit sein
lässt, das, womit ihr ihm entgegen zu leuchten vermögt, das lässt sich
weder borgen noch kaufen, auch nicht delegieren. Am Ende könnt ihr nicht mit den guten Werken
anderer glänzen. Man kann Jesus nur mit dem eigenen Öl, mit der je
eigenen Sehnsucht und Wachheit erwarten. Andere können Wegbegleiter zu Gott sein – gerade
auch in schwierigen Zeiten – den Weg aber muss jede und jeder selbst
gehen. Danke, Martin! Und hilf uns zu leben wie du, zu
lieben wie du, zu handeln wie du! Ganz wach, ganz aufmerksam und ganz
entschieden! |
||||
|
|