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Lass gut sein
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Ein Anruf,
früh am Morgen. Ruth ist am Telefon. „Ruth! Wie
schön, mal wieder etwas von dir zu hören!“ begrüßt Britta ihr Patenkind.
„Wie geht’s dir denn?“ Aber Ruth
will diesmal kein Schwätzchen halten. „Es geht um Mutter“, antwortet
sie. Britta spürt,
wie sie innerlich ganz starr wird: „Du weißt. Davon möchte ich nichts
hören.“ „Aber dieser
dumme Streit muss doch mal ein Ende haben.“ „Ach ja? Und
warum rufst DU an und nicht deine Mutter?“ „Weil sie
nicht sprechen kann. Sie liegt im Marienhospital auf der
Intensivstation. Sie hatte einen Schlaganfall.“ „Wird sie
sterben?“ „Nein. Der
Arzt sagt, die Chancen stehen recht gut, dass sie sich wieder erholt.
Aber ich dachte, du möchtest vielleicht kommen.“ Es wird still
am Telefon. Schließlich fragt Britta: „Und woher willst du wissen, ob
sie mich überhaupt sehen will?“ „Das weiß ich
nicht. Aber auch du wirst das nur erfahren, wenn du kommst.“ „Ich weiß
nicht, ob ich das kann.“ „Denk darüber
nach!“ bittet die Nichte und beendet das Gespräch. Britta legt
den Hörer auf.
Achtzehn
Jahre ist der Streit mit ihrer Schwester nun her. Damals war ihre Mutter
gestorben, kurz nach dem Vater. Die beiden Töchter hatten ohne große
Probleme das Erbe aufgeteilt. Nur über den kleinen Bronze-Engel konnten
sie sich nicht einigen. Mutter hatte sich nie von ihm getrennt, selbst
auf der Flucht nicht. Er war das einzige Stück, das sie hatte retten
können. „Das ist mein Schutzengel“, hatte sie immer gesagt. „Er steht mir
zu. Ich bin die Ältere.“ hatte Marga behauptet. Aber Britta hatte darauf
beharrt, dass Mutter ihr den Engel schon immer versprochen hatte. Als
sie sich nicht einigen konnten, hatte Britta den Engel einfach ergriffen
und mit ihm die Wohnung verlassen. Seitdem sprachen die beiden
Schwestern kein Wort mehr miteinander.
Britta hatte
den Engel damals auf den Sims über dem Kamin gestellt. Und dort steht er
immer noch. Es gibt keinen Tag, an dem sie ihn nicht herunter nimmt und
mit ihm spricht. Auch jetzt
nimmt sie ihn in die Hand. Aber diesmal redet nicht sie zu ihm, sondern
er spricht mit ihr. Sie versteht ganz genau, was er ihr sagt. So stellt
sie ihn diesmal nicht zurück. Zögernd zieht sie ihren Mantel an und
steckt den kleinen Engel in die Tasche. Dann macht sie sich auf den Weg. Ruth erwartet
sie schon. Dann steht Britta am Bett ihrer Schwester. Marga hat die
Augen geschlossen. Die strengen Falten in ihrem Gesicht haben sich in
den langen Jahren noch vertieft. Britta bringt kein Wort heraus.
„Mutter, Britta ist hier“, sagt Ruth. Marga schlägt die Augen auf.
Britta nimmt ein zorniges Aufblitzen wahr. Dann wendet Marga den Kopf
ab. Für eine Weile ist es still im Zimmer. „Lass gut
sein, Marga“, sagt Britta schließlich, nimmt die Hand der Schwester und
legt den kleinen Engel hinein. © Gisela
Baltes
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