|
Evangelium
Ich bin die Tür zu den Schafen
+
Aus dem heiligen Evangelium nach
Johannes
In jener Zeit sprach Jesus:
1Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch
die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist
ein Dieb und ein Räuber.
2Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
3Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme;
er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen
und führt sie hinaus.
4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen
voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine
Stimme.
5Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden
vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht
kennen.
6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden
nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich
bin die Tür zu den Schafen.
8Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die
Schafe haben nicht auf sie gehört.
9Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet
werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
10Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu
vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben.
In der Gablergasse in Passau gibt es eine sehr schön
geschnitzte Haustür. Ich bin selbst schon davorgestanden
und habe sie bewundert. Diese Tür zeigt in einem Relief
einen Mann mit langem Gewand und langen Haaren, der
behutsam an die Tür klopft. – Die Tür hat weder Klinke
noch Schlüssel. Sie kann nur von innen geöffnet werden.
Wer hinein will, muss anklopfen und hoffen, dass jemand
da ist, der das Klopfen hört und die Tür öffnet.
Die – in Lebensgröße –
dargestellte Person auf der Tür ist Jesus Christus. Die
Szene erinnert an das Wort aus der Offenbarung des
Johannes: „Ich stehe
vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die
Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden
Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“
(Offb.3, 20).
Die Darstellung Jesu an der
Haustür führt uns aber auch zu der Kernaussage im
heutigen Evangelium. Da sagt Jesus von sich:
„Ich bin die Tür.“
– Er ist nicht nur derjenige, der bei uns anklopft und
dem wir die Tür unseres Herzens öffnen sollen. Er ist
sogar die Tür selbst.
Eine Tür wird nicht für sich
selbst gemacht. Sie ist kein Selbstzweck. Sie hat eine
Funktion. Man kann sie öffnen und schließen. Menschen
können durch sie in ein Haus eintreten oder es durch sie
auch wieder verlassen. Eine Tür kann schützen oder auch
freigeben.
Jesus sagt von sich nicht,
ich bin eine Tür unter vielen anderen, sondern:
„Ich bin die Tür.“
– Die Formulierung ist absolut. Sie schließt alle
anderen aus. Jesus nimmt für sich in Anspruch, die
rettende Tür zu sein. Es gibt keinen anderen Weg zu
Gott. – So wie er später sagen wird: „Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt
zum Vater außer durch mich.“
Was aber ist mit den vielen
Milliarden Menschen, die nicht durch diese Tür treten? –
Menschen, die nicht beten, nicht zur Kirche gehen, keine
Sakramente empfangen, ohne Beziehung zu Jesus leben,
weil sie ihm nie begegnet sind und ihn daher überhaupt
nicht kennen können? – Haben sie keine Chance? Können
sie nie nicht gerettet werden? Auf sie kann nicht das
Wort Jesu Anwendung finden:
„Die Schafe folgen ihm, denn
sie kennen seine Stimme.“
– Diese Menschen haben seine Stimme nie gehört, weder in
einem biblischen Text noch in einer Predigt.
Nun, der heilige Augustinus
hat den Standpunkt vertreten:
„Viele, die draußen scheinen,
sind drinnen, und viele, die drinnen scheinen, sind
draußen.“ – Damit
wollte er sagen, keiner sollte zu sicher sein. Gott
findet immer Wege, um seine Stimme zu den Menschen zu
tragen. Vielleicht genügt es für sie schon, wenn sie
ihrem Gewissen folgen und ihr Leben unbewusst im Geiste
Jesu zu gestalten versuchen, auch wenn sie diesen Hirten
nicht kennen. Der Theologe Karl Rahner spricht in diesem
Zusammenhang von „anonymen Christen“.
Wer anderen in ihrer Not
beisteht, wer sich für die Freiheit der Menschen
einsetzt, wer sich schützend vor Verfolgte und
Unterdrückte stellt, wer Hungernde speist, wer für
Menschenrechte eintritt – der kann Jünger Jesus sein,
ohne es zu wissen. Denn all diejenigen, die im Geiste
des guten Hirten zu leben versuchen, sind das Gegenteil
von den „Dieben, die
nur kommen, um zu stehlen, zu schlachten und zu
vernichten.“
Jesus ist nicht in die Welt
gekommen, um uns das Leben schwer zu machen, Lasten
aufzulegen, uns mit Geboten und Vorschriften einzuengen.
„Er ist gekommen,
damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
– Gott will uns auch schon auf dieser Erde auf gute
Weide führen und uns die Fülle des Lebens schenken.
|