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Erste Lesung
Wenn ihr Witwen und Waisen ausnützt, so wird mein Zorn gegen euch
entbrennen
Lesung
aus dem Buch Éxodus
So spricht der Herr:
20Einen Fremden sollst du
nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im
Land Ägypten Fremde gewesen.
21Ihr sollt keine Witwe oder
Waise ausnützen.
22Wenn du sie ausnützt und sie
zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören.
23Mein Zorn wird entbrennen
und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass
eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden.
24Leihst du einem aus meinem
Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann
sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Gläubiger
benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Zins fordern.
25Nimmst du von einem
Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis
Sonnenuntergang zurückgeben;
26denn es ist seine einzige
Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib
bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir
schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid.
Evangelium
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben; deinen Nächsten sollst du
lieben wie dich selbst
+ Aus dem heiligen Evangelium
nach Matthäus
In jener Zeit,
34als
die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum
Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort
zusammen.
35Einer
von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und
fragte ihn: Meister,
36welches
Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
37Er
antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem
ganzen Denken.
38Das
ist das wichtigste und erste Gebot.
39Ebenso
wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst.
40An
diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die
Propheten.
Liebe Schwestern und Brüder!
Wenn wir heute die Texte der Heiligen Schrift hören,
dann spüren wir schnell: Sie treffen uns mitten in
unserem Alltag – und zugleich fordern sie uns heraus.
Im Evangelium
hören wir von einer Szene, die fast wie ein
theologisches Examen wirkt. Die Pharisäer wollen Jesus
auf die Probe stellen. Einer von ihnen, ein
Gesetzeslehrer, fragt ihn:
„Meister, welches Gebot im
Gesetz ist das wichtigste?“
Man muss wissen:
Zur Zeit Jesu gab es im Judentum Hunderte von einzelnen
Geboten und Verboten – genau genommen 613 Regeln! Da
konnte man leicht den Überblick verlieren. Welches davon
zieht nun die Summe aus allem? Was hält die Welt im
Innersten zusammen?
Jesu Antwort
ist bestechend klar. Er nennt keine komplizierte
theologische Formel, sondern er sagt:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem
Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ Und er fügt sofort hinzu: „Ebenso wichtig ist das zweite: Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Das Doppelgebot der Liebe! Jesus verbindet untrennbar, was wir Menschen so oft im Alltag
trennen: die Liebe zu Gott und die Liebe zum
Mitmenschen.
Liebe Ordensschwestern!
Wenn ich heute in Ihre Gesichter schaue, dann sehe ich
Frauen, die genau dieses Doppelgebot zu ihrem
Lebensprogramm gemacht haben. Sie haben vor vielen
Jahrzehnten Ihr „Ja“ zu Gott gesprochen. Sie haben Ihr
Leben in den Dienst des Herrn gestellt – mit ganzem
Herzen, mit ganzer Seele und mit all Ihren Gedanken. –
Und wo hat sich diese Gottesliebe ausgedrückt? Sie hat
sich konkretisiert in der Nächstenliebe: im Dienst an
Kranken, in der Erziehung von Kindern, im Gebet für die
Welt, im treuen Miteinander in Ihren Gemeinschaften,
ihren Konventen. Sie haben der Liebe ein Gesicht
gegeben.
Und auch Sie alle, liebe Bewohnerinnen und Bewohner,
auch Sie blicken auf ein langes Leben zurück, in dem Sie
auf unterschiedlichste Weise geliebt, gesorgt, Familie
getragen und für andere da gewesen sind.
Doch nun
sitzen wir heute hier in diesem Alten- und Pflegeheim.
Und mit dem Älterwerden verändert sich auch unsere
Perspektive auf dieses Gebot der Liebe.
Mancher
von Ihnen fragt sich vielleicht im Stillen: „Wie kann
ich denn heute noch den Nächsten lieben, wo meine
eigenen Kräfte schwinden? Wo ich selbst es bin, der auf
Hilfe, Pflege und die Fürsorge anderer angewiesen ist?“
Hier
schlägt die erste Lesung aus dem Buch Exodus eine
wunderbare Brücke. Gott ergreift dort leidenschaftlich
Partei für diejenigen, die schwach sind. Er spricht von
den Fremden, den Witwen und den Waisen. – Im biblischen
Kontext sind das die Menschen, die keinen
gesellschaftlichen Schutz und keine eigene Macht haben.
Gott sagt: „Wenn sie zu mir schreien, werde ich auf
ihren Klageschrei hören. Denn ich bin voll Mitgefühl.“
Gott
fordert uns auf, genau hinzusehen, wo Menschen wehrlos
oder klein geworden sind. In einem Pflegeheim bedeutet
Nächstenliebe deshalb oft etwas ganz anderes als in
jungen Jahren. Nächstenliebe zeigt sich hier und
jetzt nicht mehr im großen, aktiven Tun, sondern im
Dasein, im Aushalten und im Zulassen.
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Nächstenliebe bedeutet hier:
Dem Tischnachbarn ein gutes, geduldiges Wort zu
schenken, auch wenn er zum zehnten Mal dieselbe
Geschichte erzählt.
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Nächstenliebe bedeutet:
Der Pflegekraft, die vielleicht gestresst durch den
Flur eilt, ein dankbares Lächeln zu schenken. Ein
Lächeln kann einen ganzen Arbeitstag verwandeln.
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Nächstenliebe bedeutet:
Für die Mitschwester oder den Mitbewohner zu beten,
der das Zimmer nicht mehr verlassen kann. Gerade das
Gebet ist der tiefe Atem der Liebe, der keine
körperlichen Grenzen kennt.
Und Jesus fügt im Evangelium noch eine dritte
Dimension hinzu, die wir oft überhören: „Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Sich selbst zu lieben,
fällt uns im Alter manchmal am schwersten. Es braucht
viel Liebe und Demut zu sich selbst, um zu akzeptieren,
dass der Körper nicht mehr so mitmacht wie früher. Es
braucht Selbstliebe, um die Hilfe anzunehmen, die man
früher selbst anderen gegeben hat. Zu sagen: „Ja, ich
darf jetzt schwach sein. Ich darf empfangen. Ich bin von
Gott geliebt, nicht wegen dem, was ich leiste, sondern
einfach, weil ich sein Kind bin.“
Liebe Schwestern
und Brüder!
Die Liebe zu Gott ist kein theoretisches Programm. Sie
ist eine Beziehung. Und das Schöne ist: Gott hat uns
zuerst geliebt. Unsere Liebe zu ihm ist nur die Antwort
auf sein großes Werben um uns.
Gerade
im monastischen Leben, im Leben der Ordensschwestern,
gibt es den Begriff der „Braut Christi“. Das ist
kein verstaubtes Bild, sondern es drückt eine tiefe
Intimität aus: Ich bin gemeint. Ich bin gehalten. Und
diese Gewissheit trägt auch dann, wenn die Tage mühsamer
werden und die Kräfte nachlassen.
Am Ende unseres Lebens wird uns Gott nicht fragen, wie viele Komitees wir geleitet oder wie
viele Gebäude wir gebaut haben. Er wird uns nicht
fragen, welche Länder wir bereist haben oder was wir
kaufen und uns leisten konnten. Am Abend unseres Lebens
werden wir nach der Liebe gefragt. – Allein die Liebe
zählt.
Lassen wir uns
an diesem Sonntag neu beschenken von der Gewissheit,
dass Gott uns mit unendlicher Barmherzigkeit ansieht.
Und bitten wir ihn um die Gnade, diese Liebe im
Kleinen weiterzugeben – durch ein geduldiges Wort, ein
offenes Ohr und ein liebevolles Gebet füreinander.
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