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Evangelium
Lasst beides wachsen bis zur Ernte
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Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus
In jener Zeit
24erzählte
Jesus der Menge folgendes Gleichnis: Mit dem Himmelreich
ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen
Acker säte.
25Während
nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut
unter den Weizen und ging weg.
26Als
die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch
das Unkraut zum Vorschein.
27Da
gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr,
hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher
kommt dann das Unkraut?
28Er
antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die
Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?
29Er
entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem
Unkraut den Weizen ausreißt.
30Lasst
beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte
werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das
Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen;
den Weizen aber bringt in meine Scheune!
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Wer von Ihnen früher einen eigenen Garten hatte oder in
der Landwirtschaft groß geworden ist, der kennt das
Bild, das Jesus uns heute im Evangelium vor Augen
stellt, ganz genau. Man sät mühsam guten Samen aus, man
gießt, man wartet – und plötzlich, oft über Nacht,
sprießt da noch etwas anderes: Unkraut.
Es drängt sich dazwischen. Es nimmt dem Guten das Licht,
das Wasser und den Platz zum Atmen. Die Reaktion der
Knechte im Evangelium ist nur zu verständlich. Sie
wollen sofort handeln: „Sollen wir gehen und es
ausreißen?“ Sie wollen Ordnung schaffen, das
Schlechte vernichten, damit das Gute ungestört wachsen
kann.
Aber der Gutsherr – und das ist Gott selbst – reagiert
überraschend gelassen. Er sagt: „Nein! Lasst beides
miteinander wachsen bis zur Ernte. Denn wenn ihr das
Unkraut ausreißt, könnte es sein, dass ihr den Weizen
mit erwischt.“
Liebe Schwestern und Brüder!
Dieses Gleichnis Jesu ist ein wunderbares Bild für unser eigenes Leben. Schauen wir einmal
ehrlich auf unser Herz und auf unsere Lebensgeschichte –
besonders im Rückblick auf die vielen Jahre und
Jahrzehnte, die Sie bereits durchlebt haben.
Sehen Sie:
In jedem menschlichen Leben gibt es den guten Weizen.
Das sind die schönen Erinnerungen: das Glück einer
geschafften Arbeit, die Liebe zu den Kindern oder zum
Partner, die Momente tiefer Dankbarkeit und des Lachens.
All das Gute und Schöne, das Gott in unser Leben
hineingesät hat.
Aber wir alle wissen:
Es gibt in jedem Leben auch das „Unkraut“. Das sind die
Enttäuschungen. Die Momente, in denen wir versagt haben
oder in denen uns Unrecht angetan wurde. Die Brüche in
der Familie, Krankheiten, Abschiede und schwere
Verluste. Und im Alter vielleicht auch die Erfahrung,
dass der Körper nicht mehr so mitmacht, wie man möchte,
oder dass sich Bitterkeit und Ungeduld einschleichen
wollen.
Manchmal
neigen wir dazu, mit uns selbst hart ins Gericht zu
gehen. Wir grübeln: „Hätte ich doch dieses oder jenes in
meinem Leben bloß anders gemacht! Warum war das so
schwer, so schmerzhaft? Musste das sein?“ Am liebsten
würden wir das Unkraut nachträglich aus unserer
Lebensgeschichte entfernen, es ausreißen.
Aber Gott sagt uns heute: „Schaut nicht mit Härte auf euer Leben. Euer Lebensacker ist durchwachsen
– und das darf er sein. Ich halte das aus. Ich habe
Geduld mit euch.“
Liebe Schwestern und Brüder!
Warum
verbietet der Gutsherr das voreilige Ausreißen? Weil er
weiß, wie eng Weizen und Unkraut miteinander verwoben
sind. Im biblischen Land sah das Unkraut dem Weizen im
ersten Wachstum so ähnlich, dass man sie kaum
voneinander unterscheiden konnte.
Gott
ist kein ungeduldiger Richter, der sofort das Urteil
spricht. Er ist voller Behutsamkeit. Er weiß: Aus
manchem Umweg in unserem Leben ist am Ende doch noch
etwas Gutes entstanden. Manche Krise hat uns tiefer im
Glauben oder im Mitgefühl für andere werden lassen. Wenn
wir das Schwere radikal auslöschen könnten, würden wir
vielleicht auch die wertvollen Früchte verlieren, die
gerade durch das Durchhalten herangewachsen sind.
Gott lässt uns Zeit.
Er lässt Ihnen Zeit. Er nimmt uns an mit unseren
Stärken und mit unseren Schwächen. Bei Ihm müssen wir
nicht perfekt sein. Das ist eine wunderbare Entlastung –
gerade im Alten- und Pflegeheim, wo man vieles aus der
Hand geben muss und nicht mehr jeden Tag „Leistung“
erbringen kann.
Gott
misst Ihren Wert nicht an Ihrer Leistungsfähigkeit,
sondern an Seiner Liebe zu Ihnen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Dieses Evangelium ist eine Einladung zu einer tiefen,
gläubigen Gelassenheit. Der Theologe Reinhold Niebuhr
hat einmal ein Gebet verfasst, das diese Haltung auf den
Punkt bringt und das uns gerade im Alter ein treuer
Begleiter sein kann:
„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die
ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich
ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu
unterscheiden.“
Manches
können wir im Alter nicht mehr ändern: die Vergangenheit
nicht, manche körperliche Einschränkung nicht, manche
Situation hier im Haus nicht. Da schenke uns Gott die
Kraft zur Gelassenheit. Aber dort, wo wir ein
gutes Wort schenken können, ein Lächeln für die
Pflegekraft, ein offenes Ohr für den Tischnachbarn oder
ein stilles Gebet für unsere Lieben draußen in der Welt
– da säen wir weiterhin guten Weizen aus.
Am Ende des Gleichnisses
steht das Versprechen der Ernte. Und der Gutsherr sagt:
„Den Weizen sammelt mir in meine Scheune!“
Gott
wird am Ende unseres Lebens alles Unkraut, alles
Schmerzhafte, alle Schuld und Tränen von uns abstreifen
und verbrennen. Was bleibt und was er für die Ewigkeit
rettet, ist das Gute: Ihre Liebe, Ihre Treue, Ihr
Glauben und Vertrauen, und alles Gute und Schöne, das
Sie je getan und empfunden haben. In Gottes
himmlischer Scheune wird kein Platz mehr für Unkraut
sein; dort wird nur noch das Licht Seiner Liebe
leuchten.
Bitten wir
den Herrn in dieser heiligen Messe um dieses Vertrauen.
Vertrauen wir Ihm unser ganzes, durchwachsenes Leben an
– im Wissen, dass wir in seinen geduldigen, in seinen
barmherzigen Händen geborgen sind.
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