Exerzitien mit P. Pius

Sie sind hier: Startseite Predigten Jahreskreis A Gott lässt uns Zeit - Er nimmt uns an

Startseite
Jahresprogramm
Vorschau
Predigten
   Advent
   Weihnachten
   Fastenzeit
   Karwoche
   Ostern
   Pfingsten
   Sonntage im Jahreskreis A
   Sonntage im Jahreskreis B
   Sonntage im Jahreskreis C
   Werktage im Kirchenjahr
   Besondere Anlässe
   Festtage von Heiligen
   Herrenfeste
   Marienpredigten
   Papst und Kirche
Vorträge
Bildmeditationen
Geistliche Impulse
Persönliches
Fotogalerie
Kontakt
Links
 
 
 
 
 

Gott lässt uns Zeit - Er nimmt uns an

 zum Evangelium am 16. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A; Mt 13, 24 - 30

 

 

Evangelium

Lasst beides wachsen bis zur Ernte

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

In jener Zeit

24erzählte Jesus der Menge folgendes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg.

26Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

27Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?

28Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

29Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt.

30Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!

 

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Wer von Ihnen früher einen eigenen Garten hatte oder in der Landwirtschaft groß geworden ist, der kennt das Bild, das Jesus uns heute im Evangelium vor Augen stellt, ganz genau. Man sät mühsam guten Samen aus, man gießt, man wartet – und plötzlich, oft über Nacht, sprießt da noch etwas anderes: Unkraut.

 

Es drängt sich dazwischen. Es nimmt dem Guten das Licht, das Wasser und den Platz zum Atmen. Die Reaktion der Knechte im Evangelium ist nur zu verständlich. Sie wollen sofort handeln: „Sollen wir gehen und es ausreißen?“ Sie wollen Ordnung schaffen, das Schlechte vernichten, damit das Gute ungestört wachsen kann.

 

Aber der Gutsherr – und das ist Gott selbst – reagiert überraschend gelassen. Er sagt: „Nein! Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte. Denn wenn ihr das Unkraut ausreißt, könnte es sein, dass ihr den Weizen mit erwischt.“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieses Gleichnis Jesu ist ein wunderbares Bild für unser eigenes Leben. Schauen wir einmal ehrlich auf unser Herz und auf unsere Lebensgeschichte – besonders im Rückblick auf die vielen Jahre und Jahrzehnte, die Sie bereits durchlebt haben.

 

Sehen Sie: In jedem menschlichen Leben gibt es den guten Weizen. Das sind die schönen Erinnerungen: das Glück einer geschafften Arbeit, die Liebe zu den Kindern oder zum Partner, die Momente tiefer Dankbarkeit und des Lachens. All das Gute und Schöne, das Gott in unser Leben hineingesät hat.

 

Aber wir alle wissen: Es gibt in jedem Leben auch das „Unkraut“. Das sind die Enttäuschungen. Die Momente, in denen wir versagt haben oder in denen uns Unrecht angetan wurde. Die Brüche in der Familie, Krankheiten, Abschiede und schwere Verluste. Und im Alter vielleicht auch die Erfahrung, dass der Körper nicht mehr so mitmacht, wie man möchte, oder dass sich Bitterkeit und Ungeduld einschleichen wollen.

 

Manchmal neigen wir dazu, mit uns selbst hart ins Gericht zu gehen. Wir grübeln: „Hätte ich doch dieses oder jenes in meinem Leben bloß anders gemacht! Warum war das so schwer, so schmerzhaft? Musste das sein?“ Am liebsten würden wir das Unkraut nachträglich aus unserer Lebensgeschichte entfernen, es ausreißen.

 

Aber Gott sagt uns heute: „Schaut nicht mit Härte auf euer Leben. Euer Lebensacker ist durchwachsen – und das darf er sein. Ich halte das aus. Ich habe Geduld mit euch.“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Warum verbietet der Gutsherr das voreilige Ausreißen? Weil er weiß, wie eng Weizen und Unkraut miteinander verwoben sind. Im biblischen Land sah das Unkraut dem Weizen im ersten Wachstum so ähnlich, dass man sie kaum voneinander unterscheiden konnte.

 

Gott ist kein ungeduldiger Richter, der sofort das Urteil spricht. Er ist voller Behutsamkeit. Er weiß: Aus manchem Umweg in unserem Leben ist am Ende doch noch etwas Gutes entstanden. Manche Krise hat uns tiefer im Glauben oder im Mitgefühl für andere werden lassen. Wenn wir das Schwere radikal auslöschen könnten, würden wir vielleicht auch die wertvollen Früchte verlieren, die gerade durch das Durchhalten herangewachsen sind.

 

Gott lässt uns Zeit. Er lässt Ihnen Zeit. Er nimmt uns an mit unseren Stärken und mit unseren Schwächen. Bei Ihm müssen wir nicht perfekt sein. Das ist eine wunderbare Entlastung – gerade im Alten- und Pflegeheim, wo man vieles aus der Hand geben muss und nicht mehr jeden Tag „Leistung“ erbringen kann.

 

Gott misst Ihren Wert nicht an Ihrer Leistungsfähigkeit, sondern an Seiner Liebe zu Ihnen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieses Evangelium ist eine Einladung zu einer tiefen, gläubigen Gelassenheit. Der Theologe Reinhold Niebuhr hat einmal ein Gebet verfasst, das diese Haltung auf den Punkt bringt und das uns gerade im Alter ein treuer Begleiter sein kann:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

 

Manches können wir im Alter nicht mehr ändern: die Vergangenheit nicht, manche körperliche Einschränkung nicht, manche Situation hier im Haus nicht. Da schenke uns Gott die Kraft zur Gelassenheit. Aber dort, wo wir ein gutes Wort schenken können, ein Lächeln für die Pflegekraft, ein offenes Ohr für den Tischnachbarn oder ein stilles Gebet für unsere Lieben draußen in der Welt – da säen wir weiterhin guten Weizen aus.

 

Am Ende des Gleichnisses steht das Versprechen der Ernte. Und der Gutsherr sagt: „Den Weizen sammelt mir in meine Scheune!“

 

Gott wird am Ende unseres Lebens alles Unkraut, alles Schmerzhafte, alle Schuld und Tränen von uns abstreifen und verbrennen. Was bleibt und was er für die Ewigkeit rettet, ist das Gute: Ihre Liebe, Ihre Treue, Ihr Glauben und Vertrauen, und alles Gute und Schöne, das Sie je getan und empfunden haben. In Gottes himmlischer Scheune wird kein Platz mehr für Unkraut sein; dort wird nur noch das Licht Seiner Liebe leuchten.

 

Bitten wir den Herrn in dieser heiligen Messe um dieses Vertrauen. Vertrauen wir Ihm unser ganzes, durchwachsenes Leben an – im Wissen, dass wir in seinen geduldigen, in seinen barmherzigen Händen geborgen sind.

   Druckansicht

 

Seitenanfang