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Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir heute das Fest Allerheiligen feiern, blicken
wir oft unwillkürlich nach oben – in den Himmel, in eine
ferne, glanzvolle Welt. Wir denken an die großen,
bekannten Heiligen, deren Statuen in unseren Kirchen
stehen. Doch das Festgeheimnis von Allerheiligen ist
viel größer, näher und berührender: Heute feiern wir das
Fest unserer eigenen Zukunft und das Fest der
„Heiligen von nebenan“. Es ist das Fest der
ungezählten Millionen, die unbemerkt von der
Weltgeschichte, aber tief eingeschrieben in Gottes Herz,
ihr Leben aus dem Glauben gelebt haben.
Die erste Lesung
aus der Offenbarung des Johannes schenkt uns dafür ein
gewaltiges Bild. Johannes sieht eine große Schar aus
allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen, die
niemand zählen konnte. Sie stehen in weißen Gewändern
vor dem Thron Gottes.
Wer sind diese Menschen? Der Text gibt uns eine überraschende Antwort: Es sind die, „die aus
der großen Bedrängnis kommen“. Heilige sind keine
Menschen, die ein fehlerfreies, leichtes Luxusleben ohne
Brüche hatten. Es sind Menschen, die die schweren
Prüfungen des Lebens durchgestanden haben. Aber sie
haben ihre Gewänder „weiß gewaschen im Blut des
Lammes“. – Das bedeutet: Sie haben sich in all ihrem
Leid, in ihren Fehlern und Enttäuschungen ganz an Jesus
Christus, das Lamm Gottes, gehängt. Ihre Heiligkeit ist
kein Eigenverdienst, sondern das Ergebnis einer tiefen
Liebesbeziehung zu Gott.
Die zweite Lesung
aus dem ersten Johannesbrief holt diese himmlische
Vision mitten in unser Hier und Jetzt. Johannes ruft uns
voller Staunen zu: „Seht, wie groß die Liebe ist, die
der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes
und wir sind es.“ – Das ist das Fundament der
Heiligkeit.
Heiligkeit
beginnt nicht erst nach dem Tod. Sie beginnt in dem
Moment, in dem wir begreifen, dass wir von Gott geliebte
Kinder sind. Ja, die Welt versteht das oft nicht, und
auch wir selbst spüren es nicht immer. „Es ist noch
nicht offenbar geworden, was wir sein werden“, sagt
der Apostel. Wir sind noch Baustellen, Fragmente. Aber
der Kern steht fest: Wir gehören zur Familie Gottes. Und
das Ziel ist klar: „Wir werden ihm ähnlich sein, denn
wir werden ihn sehen, wie er ist.“
Doch wie gelingt dieser Weg durch die „große Bedrängnis“ des Lebens hin zu dieser Herrlichkeit?
Die Brücke dorthin baut uns das Wort Jesu, das wir im
Ruf vor dem Evangelium gehört haben: „Kommt alle zu
mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch
erquicken.“ (Mt 11, 28).
Heiligkeit
ist kein moralischer Leistungssport, bei dem wir uns
völlig verausgaben müssen, bis wir zusammenbrechen. Im
Gegenteil: Der Weg zur Heiligkeit beginnt damit, dass
wir mit unserer Müdigkeit, unseren Lasten, Sorgen und
Enttäuschungen zu Jesus kommen.
Heilige
sind Menschen, die sich von Gott beschenken, trösten,
ermutigen und stärken lassen. Erst in seiner Gegenwart
finden unsere unruhigen Herzen die Kraft, den Weg der
Nachfolge zu gehen.
Und wie sieht dieser Weg konkret aus?
Das zeigt uns Jesus im Evangelium auf dem Berg.
Die Seligpreisungen sind quasi die „Verfassung des Reiches Gottes“ oder das
Navigationssystem zur Heiligkeit.
Jesus
verrät uns hier, wie echtes, unzerstörbares Glück
aussieht. Doch dieses Glück stellt die Maßstäbe unserer
Welt völlig auf den Kopf:
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„Selig, die arm sind vor Gott...“ – Glücklich sind nicht die, die meinen, alles selbst im Griff zu
haben, sondern die, die wissen, dass sie Gott
brauchen.
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„Selig die Trauernden...“ – Glücklich sind, die noch fühlen können, die nicht
gleichgültig werden am Leid der Welt, denn Gott
selbst wird ihre Tränen abwischen.
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„Selig, die keine Gewalt anwenden / die
Sanftmütigen...“ – Nicht die Lauten und Aggressiven verändern die
Welt nachhaltig, sondern die Leisen, die Herzlichen.
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„Selig, die Frieden stiften...“ – Weil sie das tun, was Gott tut: Versöhnung bringen.
Die Seligpreisungen sind kein Katalog von Verboten, sondern ein Porträt Jesu selbst. Er
ist der Arme, der Sanftmütige, der Trauernde, der
Friedensstifter. Heilig sein bedeutet schlicht und
einfach: Jesus ähnlich werden. Seine Haltung im Alltag
leben.
Liebe Schwestern und Brüder!
Allerheiligen ist kein Fest der moralisch Perfekten. Es
ist das Fest derer, die sich von Gott haben lieben
lassen.
Wenn wir heute die Kommunion empfangen, kommt genau
dieser Jesus zu uns, der uns zuruft: „Kommt alle zu
mir, die ihr beladen seid.“ Er will uns stärken,
damit wir – jeder an seinem Platz, in der Familie, im
Beruf, in der Pfarrei – ein Stückchen von diesem Licht
der Seligpreisungen in die Welt tragen.
Wir sind auf dem Weg. Wir sind die Kinder Gottes. Und
die unzählbare Schar im Himmel feuert uns an und geht
uns voraus.
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