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Evangelium
Als Jesus getauft war, sah er den Geist Gottes wie eine
Taube auf sich herabkommen
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Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus
In jener Zeit
13kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von
ihm taufen zu lassen.
14Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich
müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?
15Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die
Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.
16Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser
herauf. Und siehe, da öffnete sich der Himmel und er sah
den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.
17Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein
geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.
Die Liturgie macht heute einen großen Sprung. Vor ein
paar Tagen haben die Heiligen Drei Könige noch dem
Jesuskind in Betlehem ihre Aufwartung gemacht. Heute
begegnen wir dem erwachsenen Jesus am Ufer des Jordan.
Etwa dreißig Jahre liegen zwischen seiner Geburt und dem
Fest der Taufe Jesu, das wir heute feiern.
Ein interessanter Zeitpunkt und ein interessantes
Geschehen: Dreißig Jahre lang haben wir so gut wie
nichts von Jesus gehört und nun sehen wir ihn am Jordan,
wo er sich in die lange Reihe der Sünder stellt, die
sich von Johannes taufen lassen.
Johannes tauft zur Vergebung der Sünden. – Aber hat
Jesus das nötig? Ist er ein Sünder? Unser Glaube sagt
eindeutig: Nein! Und tatsächlich meldet Johannes
Bedenken an. Aber Jesus lässt keinen Widerspruch zu.
Warum? Weil er nichts „Besseres“ sein will als die
Menschen um ihn herum. Er will keine besonderen Rechte
für sich in Anspruch nehmen, sondern will bei den
Sündern sein. Die Taufe Jesu im Jordan ist eine
Solidaritätsbezeugung: Ich will mitten unter euch sein –
und ich will für euch da sein!
Und über diesem Menschen geht
am Jordan der Himmel auf und Gott spricht:
„Dieser ist mein geliebter
Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“
Spannend! Aus diesem
geöffneten Himmel, in dem wir so gerne Gott ansiedeln –
hoch und weit über uns – da tönen keine moralischen
Appelle, keine Forderungen, keine Anweisungen, wie wir
Menschen zu leben haben, sondern aus diesem offenen
Himmel ertönt eine Liebeserklärung:
Du bist mein geliebter Sohn.
An dir habe ich Gefallen gefunden.
Und für diejenigen, die das hören, heißt das: Schaut auf
ihn. An ihm könnt ihr sehen, wie ich, Gott, das Leben
will. Ich habe Gefallen gefunden an der Art und Weise,
wie er mit den Menschen umgehen wird.
Eine Liebeserklärung als „Überschrift“ über dem Anfang
des öffentlichen Lebens Jesu. Es ist, als wollte Gott
sagen: Schaut genau hin! Gebt acht! Denn dieser
„geliebte Sohn“ wird eine neue, ganz andere Botschaft
bringen, als sie bisher verkündet wurde. Und er wird
damit die religiöse Welt seiner Zeit ziemlich auf den
Kopf stellen:
Wo die „Frommen“ der damaligen Zeit die Strafe Gottes
für die Sünder verkündet haben, da wird Jesus den
Sündern Erbarmen zusagen und ihnen Vergebung schenken.
Wo man den Kranken und Aussätzigen eingeredet hat, ihr
Leid sei jetzt die gerechte Strafe für ihre Schuld, da
wird er sie liebevoll anschauen, sie heilen, gesund
machen und sie in seine Gemeinschaft aufnehmen.
Wo Johannes noch von der Axt gesprochen hat, die alles
umhaut, was nicht gerade wächst, da wird Jesus alles
tun, damit keiner verloren gehen wird. Das geknickte
Rohr wird er nicht brechen und den glimmenden Docht
nicht auslöschen. Denn er trägt Hoffnung und Heil in
sich – die Rettung aus aller Not. Und er wird uns sogar
versichern, dass mit dem Tod noch lange nicht alles aus
ist.
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Fest der Taufe Jesu will das Weihnachtsgeheimnis
noch einmal sehr deutlich machen und sagen: In Jesus ist
Gott sichtbar in unserer Welt erschienen. So wie dieser
Jesus ist, wie er handelt und spricht, so ist unser
Gott. Ja, in Jesus, da legt Gott vorbehaltlos seine Arme
um die Menschen, und zwar um alle Menschen – auch um
uns. Er nimmt uns so an wie wir sind – mit unseren
Widersprüchen und Zerbrochenheiten, mit all dem, was
nicht stimmt in unserem Leben. Und wo wir schuldig
geworden sind, da wird er selbst unsere Schuld auf sich
nehmen, damit wir wieder aufatmen und leben können.
Eine Liebeserklärung aus einem offenen Himmel – bei der
Taufe Jesu im Jordan. Eine Liebeserklärung, die
weiterhin gilt – für Jesus und für alle, die auf diesen
Jesus schauen und die versuchen, ihm nachzufolgen – auch
wenn es nicht immer gelingt. Und diese Liebeserklärung
gilt selbst für die, die das überhaupt nicht glauben
können.
Liebe Schwestern und Brüder!
Jedes Mal, wenn in unseren Gemeinden ein Kind getauft
wird, dann ereignet sich das Wunder eines offenen
Himmels. Denn Gott spricht seine Liebeserklärung an
dieses Kind aus – und er gießt seinen guten Geist aus
über dieses Kind.
Und deshalb ist die Taufe nicht „nur“ ein „schöner
Brauch“ und erst recht keine „Formalität“, die
dazugehört, sondern sie ist Gottes großes Geschenk an
uns – und deshalb immer ein Grund zur Freude.
Ja, Gott schenkt uns einen unermesslichen Reichtum, den
uns kein Mensch und keine Macht der Welt mehr nehmen
kann. – Denn das, was wir in der Taufe geworden sind,
das können wir nie mehr verlieren: Nämlich Kinder des
Vaters im Himmel zu sein. – „Dies ist mein geliebter
Sohn“, so sagt Gott zu Jesus am Jordan. – „Du bist mein
geliebtes Kind“, so sagt Gott auch zu uns. „Dich habe
ich erwählt!“
Und wenn du inzwischen auch
schon ein altes Kind geworden bist, wenn deine Haare
weiß geworden sind – und auch wenn du inzwischen viele
Fehler gemacht hast und auch noch machen wirst – du
gehörst immer noch mir. – Und das wird so bleiben bis in
Ewigkeit.
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