Exerzitien mit P. Pius

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Birgitta von Schweden (23. Juli)

 

Die heilige Birgitta wurde im Jahr 1303 in Finstad bei Uppsala (Südschweden) geboren. Ihre Familie gehörte zum schwedischen Hochadel.

Wir können im Leben dieser Heiligen zwei Phasen unterscheiden.

Der erste Abschnitt ist gekennzeichnet durch ihren Lebensstand als glücklich verheiratete Frau. Als Birgitta elf Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Bereits mit 14 Jahren wurde sie – was damals gang und gäbe war – verheiratet. Ihr Gatte hieß Ulf Gudmarsson. Er war Landvogt und stammte ebenfalls aus adeligem Geschlecht.

 

Die Ehe dauerte 28 Jahre, bis zu Ulfs Tod. Acht Kinder gingen daraus hervor, vier Söhne und vier Töchter, von denen die Zweitgeborene, Karin (Katharina) ebenfalls als Heilige verehrt wird.

 

Unter der geistlichen Leitung eines gebildeten Ordensmannes, der Birgitta in das Studium der Heiligen Schrift einführte, übte sie einen sehr positiven Einfluss auf ihre Familie aus, die dank ihrer Gegenwart zu einer wahren „Hauskirche“ wurde. Das Leben der Familie war geprägt von einem tiefen Glauben, der sich in einer echten Frömmigkeit, aber auch in großherzigen Werken der Nächstenliebe äußerte. Wie Elisabeth, die Landgräfin von Thüringen ein Jahrhundert zuvor, so lud sie als schwedische Gräfin und Schlossherrin fast täglich Arme zu Tisch. Als ihr einmal der Vorwurf gemacht wurde, zu freigebig zu sein, antwortete sie: „Wir müssen geben, solange wir haben, denn auch wir haben einen großzügigen Geber!“

 

Zusammen mit ihrem Mann nahm sie die Regel des Dritten Ordens der Franziskaner an und gründete auch ein Hospital. Auch diesbezüglich gibt es Parallelen zu Elisabeth von Thüringen.

 

1335 kam Birgitta an den königlichen Hof in Stockholm. Dort sollte sie als Ratgeberin des jungen Königspaares wirkten. Als Geschenk brachte Birgitta eine der ersten ins Schwedische übersetzten Bibelhandschriften mit, in der Hoffnung, dass der junge und unerfahrene König, der mit ihr verwandt war, sein Leben und somit auch seine Regierung vom Wort und Willen Gottes leiten lassen würde. Anfänglich schien Birgitta diesbezüglich Erfolg zu haben, langfristig allerdings nicht.

 

Im Jahr 1341 pilgerte Birgitta mit ihrem Ehemann – anlässlich ihrer silbernen Hochzeit – nach Santiago de Compostela, dem damals – noch vor Rom und Jerusalem – beliebtesten Wallfahrtsort. Auch andere Familienangehörige nahmen teil.

Wer zur damaligen Zeit eine solche Pilgerfahrt unternahm, hatte nicht selten Grund, für Sünden und Verfehlungen zu büßen. Der Sühne und Opfergedanke stand meist im Vordergrund.

Birgitta und ihr Mann wollten in erster Linie Gott danken. Danken für ihr gemeinsames Leben, danken für die Kinder, danken für Gottes Schutz und Führung, die sie erfahren haben. Sie wollten bitten für ihren verstorbenen Sohn und sich selbst auf die Ewigkeit vorbereiten.

Während der Rückkehr von der zweijährigen Pilgerreise reifte in den Eheleuten das Vorhaben, zukünftig in Enthaltsamkeit zu leben. Doch schon kurz darauf erkrankte Ulf sehr schwer und beschloss in Gegenwart seiner Ehefrau sein irdisches Leben im Frieden eines Klosters, in das er sich zurückgezogen hatte.

 

Der Tod ihres Mannes, den sie „wie ihr eigenes Herz liebte“, brachte eine große Wende im Leben Birgittas. Wir können von einem zweiten Lebensabschnitt sprechen.

 

Birgitta verzichtete auf eine Wiederverheiratung und ließ sich, nachdem sie ihren Beitz an die Armen verteilt hatte, beim Zisterzienserkloster von Alvastra nieder. Ihr Bestreben war, eine tiefe Vereinigung mit dem Herrn durch Gebet, Buße und Werke der Nächstenliebe.

 

Um 1346 gründete Birgitta auf Grund göttlicher Eingebung und Beauftragung – mit Hilfe des schwedischen Königs – selbst ein Kloster, das erste Kloster des Birgittenordens, auch „Erlöserorden“ genannt, weil er dem göttlichen Erlöser geweiht sein sollte.

 

Die Ordensregel wurde ihr in allen Einzelheiten geoffenbart und regelte das Leben dem Doppelkloster. Frauen und Männer lebten hier zwar in strikt räumlicher Trennung, bildeten aber eine einzige Klostergemeinschaft, und zwar unter der Leitung einer Äbtissin. Birgitta selbst trat nicht ins Kloster ein. Sie sah ihre Aufgabe in der Welt.

 

Ab dieser Zeit begannen die göttlichen Offenbarungen und Visionen, die Birgitta ihr ganzes weiteres Leben hindurch begleitet haben. Birgitta diktierte sie ihren beiden Sekretären, die auch ihre Beichtväter waren. Diese übersetzen sie aus dem Schwedischen ins Lateinische und fassten sie in einer achtbändigen Ausgabe – mit dem Titel Relevationes (Offenbarungen) – zusammen.

 

In einer ekstatischen Schau wurde Birgitta beauftragt, noch einmal an den königlichen Hof nach Stockholm zu gehen und den König eindringlich zur Umkehr aufzufordern. Der König ließ sich kurzzeitig ermahnen und von ihrer Botschaft beeindrucken, aber letztlich nicht beeinflussen und umgestalten. Er verlor schließlich seinen Thron. Und die Pest begann zu wüten, die Birgitta prophezeit hatte.

 

In einem weiteren Auftrag, der ihr in einer Vision zuteilgeworden ist, wandte sich Birgitta in einem Brief an Papst Clemens VI. in Avignon und ermahnte ihn nachdrücklich, seine widersprüchliche Lebensführung zu ändern, nach Rom zurückzukehren und für 1350 ein Jubeljahr auszurufen.

Der Papst beachtete allerdings die Mahnungen aus dem fernen Norden nicht. Lediglich dem Wunsch, ein Heiligen Jahres auszurufen, kam er nach.

 

Ebenso missachteten der französische und englische König im sogenannten hundertjährigen Krieg eine durch Birgitta übermittelte Friedensbotschaft, die sie durch göttliche Eingebung empfangen hatte.

 

1349 verließ Birgitta mit einer kleinen Gruppe Schweden, und zwar für immer. Sie unternahm eine Pilgerreise nach Rom und sollte ihre schwedische Heimat nie wieder lebend sehen. In Rom wollte sie 1350 nicht nur am Heiligen Jahr teilnehmen, sondern hatte auch den Wunsch, vom Papst die Approbation der Regel ihres Ordens zu erlangen, worauf sie allerdings fast ein Vierteljahrhundert warten musste.

 

Die Stadt Rom war damals arg heruntergekommen. Statt einer Million Menschen lebten nur noch 20.000 dort. Die Kultur lag am Boden. Bedeutende Leute waren weggezogen. Auch in der Kirche ging es drunter und drüber. Birgitta war allerdings überzeugt: Die Kirche ist – bei allen Schwächen – heilig. Und sie sollte etwas von der Heiligkeit Gottes ausstrahlen.

So widmete sich Birgitta zusammen mit ihrer Tochter Karin einem Leben des intensiven Apostolats und des Gebets. Sie kümmerte sich vor allem um die skandinavischen Rompilger. Auch hier war sie allen Hilfesuchenden gegenüber äußerst freigebig und versuchte die materielle und spirituelle Not der Menschen zu lindern.

 

Birgitta wurde aber auch eine unerbittliche Mahnerin und geißelte die Missstände der damaligen Kirche. Besonders die Rückkehr der Päpste aus dem Exil in Avignon war ihr ein großes Anliegen. Mehrfach wandte sie sich mit Botschaften an die jeweils regierenden Päpste, um sie dauerhaft zur Rückkehr zum Sitz Petri, in die ewige Stadt, zu bewegen, allerdings ohne Erfolg.

 

Von Rom aus pilgerte Birgitta zu verschiedenen italienischen Heiligtümern, insbesondere nach Assisi, der Heimat des heiligen Franziskus und der heiligen Klara, denen Birgitta stets große Verehrung entgegenbrachte.

 

1371 ging schließlich ihr größter Wunsch in Erfüllung: eine Reise ins Heilige Land. Sie begab sich dorthin in Begleitung von geistlich Gleichgesinnten, einer Gruppe, die Birgitta die „Freunde Gottes“ nannte. Sie ist überglücklich, die Erde begehen zu dürfen, über die Christus ging und den Boden zu berühren, auf der das Kreuz stand.

 

Birgitta starb 1373, bevor Papst Gregor XI. endgültig nach Rom zurückkehrte. Sie wurde vorübergehend in einer römischen Kirche bestattet, aber 1374 von ihren Kindern Birger und Karin in die Heimat zurückgebracht, nach Vadstena, wo der von Birgitta gegründete Orden seinen Sitz hatte und sich von dort aus sehr schnell verbreitete. Bereits 1391 erfolgte die feierliche Heiligsprechung.

 

Nachbemerkungen:

 

Erstens: Birgitta, eine Frau aus besten Kreisen, Ehefrau, Mutter, Witwe, Mystikerin, Pilgerin war nicht nur fromm, sondern im Blick auf Kirche und Welt auch politisch interessiert und engagiert. Ohne Zweifel eine ungewöhnliche Frau und keineswegs bequem. Sie hat sich interessiert für das, was in Gesellschaft und Kirche vor sich geht. Sie hat kirchlich und politisch interveniert und versucht Einfluss zu nehmen.

 

Zweitens: Birgittas Einsatz und Bemühen war längst nicht immer erfolgreich. „Erfolg“, sagt Martin Buber, „ist keiner der Namen Gottes.“ Birgitta kannte das Umsonst, die vergebliche Liebesmühe, das Scheitern.

 

Drittens: Die heilige Birgitta ist eine herausragende Gestalt in der Geschichte Europas. Nicht von ungefähr hat sie Papst Johannes Paul II. zusammen mit Katharina von Siena und Edith Stein zur Schutzpatronin Europas erklärt – als Ergänzung zu den männlichen Patronen Europas: Benedikt, Cyrill und Methodius.

In seiner Ansprache damals wünschte er, dass die heilige Birgitta – die im 14. Jahrhundert lebte, in einer Zeit also als die westliche Christenheit noch nicht durch die Spaltung verwundet war – bei Gott inständig Fürsprache halten möge, um die langersehnte Gnade der vollen Einheit aller Christen zu erlangen.

 

Viertens: 1595 verließen – im Zuge der Reformation – die letzten Birgittinnen Vadstena. Erst 1963 kamen wieder Schwestern über Uden in Holland zurück. In den letzten Jahrzehnten ist auch die Zahl der Pilger zum Schrein der heiligen Birgitta in Vadstena stark angewachsen.

In Deutschland gibt es nach der Schließung des Birgittenklosters Altomünster in Oberbayern 2018 nur noch ein Birgittenkloster, und zwar – seit 2002 – in Bremen, in der Diaspora.

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