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Die heilige Birgitta wurde im Jahr 1303 in Finstad bei
Uppsala (Südschweden) geboren. Ihre Familie gehörte zum
schwedischen Hochadel.
Wir
können im Leben dieser Heiligen zwei Phasen
unterscheiden.
Der erste Abschnitt
ist gekennzeichnet durch ihren Lebensstand als glücklich
verheiratete Frau. Als Birgitta
elf Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Bereits mit 14
Jahren wurde sie – was damals gang und gäbe war –
verheiratet. Ihr Gatte hieß Ulf Gudmarsson. Er war
Landvogt und stammte ebenfalls aus adeligem Geschlecht.
Die Ehe dauerte 28 Jahre, bis zu Ulfs Tod. Acht Kinder
gingen daraus hervor, vier Söhne und vier Töchter, von
denen die Zweitgeborene, Karin (Katharina) ebenfalls als
Heilige verehrt wird.
Unter der geistlichen Leitung eines gebildeten
Ordensmannes, der Birgitta in das Studium der Heiligen
Schrift einführte, übte sie einen sehr positiven
Einfluss auf ihre Familie aus, die dank ihrer Gegenwart
zu einer wahren „Hauskirche“ wurde. Das Leben der
Familie war geprägt von einem tiefen Glauben, der sich
in einer echten Frömmigkeit, aber auch in großherzigen
Werken der Nächstenliebe äußerte. Wie Elisabeth, die
Landgräfin von Thüringen ein Jahrhundert zuvor, so lud
sie als schwedische Gräfin und Schlossherrin fast
täglich Arme zu Tisch. Als ihr einmal der Vorwurf
gemacht wurde, zu freigebig zu sein, antwortete sie:
„Wir müssen geben,
solange wir haben, denn auch wir haben einen großzügigen
Geber!“
Zusammen mit ihrem Mann nahm sie die Regel des Dritten
Ordens der Franziskaner an und gründete auch ein
Hospital. Auch diesbezüglich gibt es Parallelen zu
Elisabeth von Thüringen.
1335 kam Birgitta an den königlichen Hof in Stockholm.
Dort sollte sie als Ratgeberin des jungen Königspaares
wirkten. Als Geschenk brachte Birgitta eine der ersten
ins Schwedische übersetzten Bibelhandschriften mit, in
der Hoffnung, dass der junge und unerfahrene König, der
mit ihr verwandt war, sein Leben und somit auch seine
Regierung vom Wort und Willen Gottes leiten lassen
würde. Anfänglich schien Birgitta diesbezüglich Erfolg
zu haben, langfristig allerdings nicht.
Im Jahr 1341 pilgerte Birgitta mit ihrem Ehemann –
anlässlich ihrer silbernen Hochzeit – nach Santiago de
Compostela, dem damals – noch vor Rom und Jerusalem –
beliebtesten Wallfahrtsort. Auch andere
Familienangehörige nahmen teil.
Wer zur damaligen Zeit eine solche Pilgerfahrt
unternahm, hatte nicht selten Grund, für Sünden und
Verfehlungen zu büßen. Der Sühne und Opfergedanke stand
meist im Vordergrund.
Birgitta und ihr Mann wollten in erster Linie Gott
danken. Danken für ihr gemeinsames Leben, danken für die
Kinder, danken für Gottes Schutz und Führung, die sie
erfahren haben. Sie wollten bitten für ihren
verstorbenen Sohn und sich selbst auf die Ewigkeit
vorbereiten.
Während der Rückkehr von der zweijährigen Pilgerreise
reifte in den Eheleuten das Vorhaben, zukünftig in
Enthaltsamkeit zu leben. Doch schon kurz darauf
erkrankte Ulf sehr schwer und beschloss in Gegenwart
seiner Ehefrau sein irdisches Leben im Frieden eines
Klosters, in das er sich zurückgezogen hatte.
Der Tod ihres Mannes, den sie
„wie ihr eigenes
Herz liebte“, brachte eine große Wende im Leben
Birgittas. Wir können von einem
zweiten
Lebensabschnitt sprechen.
Birgitta verzichtete auf eine Wiederverheiratung und
ließ sich, nachdem sie ihren Beitz an die Armen verteilt
hatte, beim Zisterzienserkloster von Alvastra nieder.
Ihr Bestreben war, eine tiefe Vereinigung mit dem Herrn
durch Gebet, Buße und Werke der Nächstenliebe.
Um 1346 gründete Birgitta auf Grund göttlicher Eingebung
und Beauftragung – mit Hilfe des schwedischen Königs –
selbst ein Kloster, das erste Kloster des
Birgittenordens, auch „Erlöserorden“ genannt, weil er
dem göttlichen Erlöser geweiht sein sollte.
Die Ordensregel wurde ihr in allen Einzelheiten
geoffenbart und regelte das Leben dem Doppelkloster.
Frauen und Männer lebten hier zwar in strikt räumlicher
Trennung, bildeten aber eine einzige
Klostergemeinschaft, und zwar unter der Leitung einer
Äbtissin. Birgitta selbst trat nicht ins Kloster ein.
Sie sah ihre Aufgabe in der Welt.
Ab dieser Zeit begannen die göttlichen Offenbarungen und
Visionen, die Birgitta ihr ganzes weiteres Leben
hindurch begleitet haben. Birgitta diktierte sie ihren
beiden Sekretären, die auch ihre Beichtväter waren.
Diese übersetzen sie aus dem Schwedischen ins
Lateinische und fassten sie in einer achtbändigen
Ausgabe – mit dem Titel
Relevationes
(Offenbarungen) – zusammen.
In einer ekstatischen Schau wurde Birgitta beauftragt,
noch einmal an den königlichen Hof nach Stockholm zu
gehen und den König eindringlich zur Umkehr
aufzufordern. Der König ließ sich kurzzeitig ermahnen
und von ihrer Botschaft beeindrucken, aber letztlich
nicht beeinflussen und umgestalten. Er verlor
schließlich seinen Thron. Und die Pest begann zu wüten,
die Birgitta prophezeit hatte.
In einem weiteren Auftrag, der ihr in einer Vision
zuteilgeworden ist, wandte sich Birgitta in einem Brief
an Papst Clemens VI. in Avignon und ermahnte ihn
nachdrücklich, seine widersprüchliche Lebensführung zu
ändern, nach Rom zurückzukehren und für 1350 ein
Jubeljahr auszurufen.
Der Papst beachtete allerdings die Mahnungen aus dem
fernen Norden nicht. Lediglich dem Wunsch, ein Heiligen
Jahres auszurufen, kam er nach.
Ebenso missachteten der französische und englische König
im sogenannten hundertjährigen Krieg eine durch Birgitta
übermittelte Friedensbotschaft, die sie durch göttliche
Eingebung empfangen hatte.
1349 verließ Birgitta mit einer kleinen Gruppe Schweden,
und zwar für immer. Sie unternahm eine Pilgerreise nach
Rom und sollte ihre schwedische Heimat nie wieder lebend
sehen. In Rom wollte sie 1350 nicht nur am Heiligen Jahr
teilnehmen, sondern hatte auch den Wunsch, vom Papst die
Approbation der Regel ihres Ordens zu erlangen, worauf
sie allerdings fast ein Vierteljahrhundert warten
musste.
Die Stadt Rom war damals arg heruntergekommen. Statt
einer Million Menschen lebten nur noch 20.000 dort. Die
Kultur lag am Boden. Bedeutende Leute waren weggezogen.
Auch in der Kirche ging es drunter und drüber. Birgitta
war allerdings überzeugt: Die Kirche ist – bei allen
Schwächen – heilig. Und sie sollte etwas von der
Heiligkeit Gottes ausstrahlen.
So widmete sich Birgitta zusammen mit ihrer Tochter
Karin einem Leben des intensiven Apostolats und des
Gebets. Sie kümmerte sich vor allem um die
skandinavischen Rompilger. Auch hier war sie allen
Hilfesuchenden gegenüber äußerst freigebig und versuchte
die materielle und spirituelle Not der Menschen zu
lindern.
Birgitta wurde aber auch eine unerbittliche Mahnerin und
geißelte die Missstände der damaligen Kirche. Besonders
die Rückkehr der Päpste aus dem Exil in Avignon war ihr
ein großes Anliegen. Mehrfach wandte sie sich mit
Botschaften an die jeweils regierenden Päpste, um sie
dauerhaft zur Rückkehr zum Sitz Petri, in die ewige
Stadt, zu bewegen, allerdings ohne Erfolg.
Von Rom aus pilgerte Birgitta zu verschiedenen
italienischen Heiligtümern, insbesondere nach Assisi,
der Heimat des heiligen Franziskus und der heiligen
Klara, denen Birgitta stets große Verehrung
entgegenbrachte.
1371 ging schließlich ihr größter Wunsch in Erfüllung:
eine Reise ins Heilige Land. Sie begab sich dorthin in
Begleitung von geistlich Gleichgesinnten, einer Gruppe,
die Birgitta die „Freunde Gottes“ nannte. Sie ist
überglücklich, die Erde begehen zu dürfen, über die
Christus ging und den Boden zu berühren, auf der das
Kreuz stand.
Birgitta starb 1373, bevor Papst Gregor XI. endgültig
nach Rom zurückkehrte. Sie wurde vorübergehend in einer
römischen Kirche bestattet, aber 1374 von ihren Kindern
Birger und Karin in die Heimat zurückgebracht, nach
Vadstena, wo der von Birgitta gegründete Orden seinen
Sitz hatte und sich von dort aus sehr schnell
verbreitete. Bereits 1391 erfolgte die feierliche
Heiligsprechung.
Nachbemerkungen:
Erstens: Birgitta,
eine Frau aus besten Kreisen, Ehefrau, Mutter, Witwe,
Mystikerin, Pilgerin war nicht nur fromm, sondern im
Blick auf Kirche und Welt auch politisch interessiert
und engagiert. Ohne Zweifel eine ungewöhnliche Frau und
keineswegs bequem. Sie hat sich interessiert für das,
was in Gesellschaft und Kirche vor sich geht. Sie hat
kirchlich und politisch interveniert und versucht
Einfluss zu nehmen.
Zweitens:
Birgittas Einsatz und Bemühen war längst nicht immer
erfolgreich.
„Erfolg“, sagt Martin Buber,
„ist keiner der Namen Gottes.“ Birgitta kannte das
Umsonst, die vergebliche Liebesmühe, das Scheitern.
Drittens:
Die heilige Birgitta ist eine herausragende Gestalt in
der Geschichte Europas. Nicht von ungefähr hat sie Papst
Johannes Paul II. zusammen mit Katharina von Siena und
Edith Stein zur Schutzpatronin Europas erklärt – als
Ergänzung zu den männlichen Patronen Europas: Benedikt,
Cyrill und Methodius.
In seiner Ansprache damals wünschte er, dass die heilige
Birgitta – die im 14. Jahrhundert lebte, in einer Zeit
also als die westliche Christenheit noch nicht durch die
Spaltung verwundet war – bei Gott inständig Fürsprache
halten möge, um die langersehnte Gnade der vollen
Einheit aller Christen zu erlangen.
Viertens:
1595 verließen – im Zuge der Reformation – die letzten
Birgittinnen Vadstena. Erst 1963 kamen wieder Schwestern
über Uden in Holland zurück. In den letzten Jahrzehnten
ist auch die Zahl der Pilger zum Schrein der heiligen
Birgitta in Vadstena stark angewachsen.
In Deutschland gibt es nach der Schließung des
Birgittenklosters Altomünster in Oberbayern 2018 nur
noch ein Birgittenkloster, und zwar – seit 2002 – in
Bremen, in der Diaspora.
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