Exerzitien mit P. Pius

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Karl Leisner (12. August)

 

Die Kirche stellt uns heute einen jungen Mann als Vorbild vor Augen, dessen Leben so ganz anders verlief, als er es sich erträumt hatte. Wir gedenken des Seligen Karl Leisner, der im KZ Dachau zum Priester geweiht wurde und als Märtyrer verehrt wird.

 

Nun, wenn wir heute an Märtyrer denken, haben wir oft Bilder von Heiligen aus längst vergangenen Jahrhunderten vor Augen. Menschen, die den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden oder auf Scheiterhaufen starben.

Doch Karl Leisner ist ein Märtyrer unserer jüngeren Geschichte. Er war ein junger Mann aus Fleisch und Blut, modern, begeisterungsfähig, ein leidenschaftlicher Jugendleiter, der die Natur liebte, Tagebuch schrieb, Geige spielte und voller Tatendrang für Christus brannte. Er starb 1945 mit gerade einmal 30 Jahren – entkräftet von den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung und den unsäglichen Leiden im Konzentrationslager Dachau.

 

Sein Leben stellt uns heute eine radikale Frage:

Wie weit geht meine persönliche Nachfolge? Was bin ich bereit zu wagen, wenn mein Glaube und meine Freiheit herausgefordert werden?

 

Doch wer war dieser Karl Leisner?

Geboren 1915 in Rees am Niederrhein und aufgewachsen in Kleve, wuchs er in eine Zeit hinein, die von extremen politischen Umbrüchen geprägt war. Schon früh spürte er eine tiefe Sehnsucht nach Gott. Er engagierte sich in der katholischen Jugendbewegung.

Für Karl war der Glaube keine verstaubte Pflicht, sondern ein Abenteuer. Er verbrachte Wochen mit Jugendlichen auf Fahrt, sang, betete und redete mit ihnen über das Evangelium. Sein Leitwort, das er schon mit 13 Jahren in sein Tagebuch schrieb, lautete: „Christus – du bist meine Leidenschaft!“

 

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und versuchten, die Jugend im Sinne ihrer menschenverachtenden Ideologie gleichzuschalten, hielt Karl Leisner dagegen. Nicht mit politischer Gewalt, sondern mit der Kraft des Evangeliums. Er formte Gruppen, in denen junge Menschen Rückgrat lernten.

 

Nach dem Abitur im Jahre 1934 ging Karls Leisner zum Theologiestudium nach Münster. Er spürte immer deutlicher den Ruf, Priester zu werden.

 

Der damalige Bischof von Münster, der spätere Kardinal Clemens August Graf von Galen – selbst ein unerschrockener Gegner des Regimes –, erkannte den Mut dieses jungen Mannes und ernannte ihn zum Diözesan-Jungscharführer. Wegen dieser Tätigkeit wurde Leisner nun bereits von der Gestapo bespitzelt. Die katholische Jugendarbeit war den Nazis ein Dorn im Auge.

 

Zwei Außensemester verbrachte Leisner in Freiburg. Im Sommer 1937 musste er sein Studium durch ein halbes Jahr Reichsarbeitsdienst unterbrechen.

Am 19. März 1939 erhielt er in Münster die Diakonenweihe. Bald danach begann Karl Leisners Leidensweg. Er erkrankte an einer schweren Lungentuberkulose und kam in ein Sanatorium in St. Blasien im Schwarzwald. Es war das erste große Kreuz in seinem Leben – das Verharren-Müssen in der Stille, während draußen die Welt aus den Fugen geriet.

 

Im November 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, schlug in München ein Attentat auf Adolf Hitler fehl. Als Karl Leisner im Sanatorium davon hörte, entfuhr ihm im Gespräch ein einziger, fataler Satz. Er sagte: „Schade, dass er nicht dabei gewesen ist.“ Er meinte Hitler. – Ein Mitpatient zeigte ihn an. Noch am gleichen Tag wurde er von der Gestapo verhaftet.

 

Aus der erhofften Genesung wurde eine Odyssee durch Gefängnisse. Zuerst nach Freiburg, dann nach Mannheim. Von dort kam er ins Konzentrationslager Sachsenhausen und schließlich im Dezember 1940 Transport in die Hölle auf Erden: das Konzentrationslager Dachau. Dort kam er in den berühmt-berüchtigten „Priester- und Pfarrerblock“, wo tausende Geistliche aus ganz Europa eingepfercht waren. Zunächst arbeitete Leisner als Häftling Nr. 22356 in der Gärtnerei.

 

Die Bedingungen im Lager waren grausam. Hunger, Kälte, Willkür und die schwere körperliche Arbeit ließen Karls Tuberkulose wieder voll ausbrechen. Er spuckte Blut, hatte hohes Fieber und lag monatelang auf der Krankenstation – abgeschnitten von der Welt, geplagt von Schmerzen.

Karl war Diakon, sein größter Lebenswunsch – die Priesterweihe – schien in unerreichbare Ferne gerückt. Er schien am Ende zu sein. Doch genau in dieser Dunkelheit ereignete sich das „Wunder von Dachau“.

 

Ende 1944 wurde ein französischer Bischof, Gabriel Piguet, nach Dachau deportiert. Den gefangenen Priestern kam ein kühner, lebensgefährlicher Gedanke: Wenn ein Bischof im Lager ist und ein Diakon da ist – warum sollte der dann nicht zum Priester geweiht werden?

 

Unter den Augen der SS-Wachen, unter ständiger Todesgefahr, begann eine beispiellose Aktion der ökumenischen und internationalen Solidarität.

 

Mitgefangene schmuggelten heimlich die Erlaubnis des Heimatbischofs von Galen ins Lager. Kommunistische Häftlinge organisierten im Lager-Arbeitsdienst Holz, aus dem heimlich ein Bischofsstab geschnitzt wurde. „Victor in Vinculis“ – „Sieger in Fesseln“ schnitzte ein Mithäftling auf den Stab. Ein jüdischer Häftling half, die Gewänder zu organisieren.

Am 17. Dezember 1944, 3. Advent, Sonntag Lätare, fand in der Baracke 26 die Priesterweihe statt. Karl Leisner, gezeichnet von der tödlichen Krankheit, empfing das Sakrament. – Es ist die einzige Priesterweihe, die jemals in einem Konzentrationslager vollzogen wurde. Ein französischer Bischof weihte einen deutschen Diakon inmitten von Schmutz, Gewalt und Tod.

 

Es war ein triumphaler Sieg des Geistes über die Unmenschlichkeit. Karl feierte am zweiten Weihnachtsfeiertag seine erste und einzige heilige Messe – seine Primiz. Und man kann sich denken, welche Seligkeit und welcher Ernst, den gesundheitlich äußerst angeschlagenen und geschwächten Häftling erfüllte!

 

Völlig entkräftet erlebte Karl Leisner im April 1945 die Befreiung durch amerikanische Streitkräfte. Er war nur noch ein Skelett. Freunde brachten ihn in ein Sanatorium nach Planegg bei München. Er hatte den Terror überlebt, doch sein Körper war zerstört. Er durfte noch einmal seine geliebte Mutter in die Arme schließen, doch sein Erdenweg war zu Ende. Am 12. August 1945 erlag er seinen Leiden.

 

Seine letzten Tagebuchworte, die er kurz vor seinem Tod schrieb, sind kein Klagelied, sondern ein Testament der Liebe. Sie lauten: „Segne auch, Höchster, meine Feinde! [...] Führe sie alle zur Umkehr [...], dass alle Menschen sich als Brüder und Schwestern die Hände reichen.“ – Nach Jahren der Folter und des Leids hinterließ er kein Wort des Hasses, sondern ein Gebet um Versöhnung.

 

Was fangen wir heute mit diesem Zeugnis an?

Karl Leisner zeigt uns, dass der Glaube keine Schönwetter-Angelegenheit ist. Er zeigt uns, dass Christus uns gerade in den Krisen, in den tiefsten Tälern unseres Lebens nahe ist.

Karl hat nicht auf seine eigenen Kräfte vertraut, sondern auf die verwandelnde Macht der Liebe Gottes, die selbst Mauern aus Stacheldraht durchbricht.

Er fordert uns heraus, in unserer heutigen Welt – in der oft Polarisierung, Egoismus und Gleichgültigkeit herrschen – Menschen des Friedens, der Versöhnung und des Mutes zu sein.

 

1996 hat Papst Johannes Paul II. Karl Leisner im Berliner Olympiastadion zusammen mit Dompropst Bernhard Lichtenberg seliggesprochen. Sein viel besuchtes Grab befindet sich in der Märtyrerkrypta des Domes zu Xanten.

 

Bitten wir um die Fürsprache des Seligen Karl Leisner. Bitten wir um den Mut – wie er – ein unerschrockenes „Ja“ zu Christus zu sprechen – in den hellen Tagen unseres Lebens ebenso wie in den dunklen Stunden.

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