Exerzitien mit P. Pius

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Jahresrückblick 2005

 

Zell a. H im Advent 2005

 

Ein neues Kirchenjahr hat begonnen und wieder einmal geht es mit raschen Schritten Weihnachten entgegen und das Jahresende naht. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und an alle denken, die einen Platz in meinem Herzen haben.

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, dann stellt sich in mir ein Gefühl tiefer Dankbarkeit und Freude ein. Ich durfte viel Schönes und Beglückendes erleben. So erstaunt und ergreift es mich immer wieder, wenn ich das wunderbare und gnadenhafte, Wirken des Geistes Gottes im Verlauf von Exerzitien erlebe, wie sich –vor allem bei Einzelexerzitien – bei dem, der sich einlässt und intensiv betend mit dem Wort Gottes umgeht, der sich davon ansprechen und berühren lässt, wie sich da immer wieder Erstaunliches tut, wie Läuterung geschieht, Licht und Klarheit geschenkt wird, Leben sich ordnet und wandelt, Versöhnung sich ereignet, Befreiung erfahren wird, Zuversicht wächst und neue Anfänge möglich sind.

Ich bin dankbar, dass meine Hauptaufgabe nach wie vor in der Exerzitienseelsorge besteht.
Mit Interesse, großem Engagement und viel Freude bin ich bei der Sache und immer noch auch viel unterwegs. Nächstes Jahr verlagern sich die Gewichte allerdings ein wenig. Etwa ein Drittel meiner Kurse werden dann hier in Zell im „Haus der Begegnung“ (HdB) angeboten.

Innerlich bewegt und mitgenommen haben mich im zu Ende gehendem Jahr kirchliche Ereignisse.

Mit unzähligen Menschen nahm ich teil am Leidensweg des alt und gebrechlich gewordenen, gebeugt am Kreuz seiner Hinfälligkeit hängenden Heiligen Vaters. An Ostern habe ich mit Bangen zu dem Sterbenskranken nach Rom geschaut. Noch heute habe ich seinen stillen Segen „Urbi et orbi“ vor Augen. Er brachte kein Wort mehr heraus und konnte nur noch mit letzter Kraft die Hand zum Segen erheben. Das hat mich tief berührt und innerlich ergriffen mehr als alle Enzykliken und Predigten. Seine nachhaltigste Predigt, finde ich, war das Ertragen und Annehmen seiner Gebrechlichkeit und zunehmenden Hilflosigkeit.
„Auch Christus ist nicht vom Kreuz gestiegen.“ Dieses Wort des von Krankheit und Schwäche Gezeichneten ist mir haften geblieben. Über Wochen hinweg verfolgte die Weltöffentlichkeit das Sterben eines großen Dulders und Glaubenden. Ist da nicht ohne viel Worte offensichtlich und deutlich geworden, dass Alter und Hinfälligkeit, Leid und Tod nicht abgeschoben und verdrängt werden müssen, sondern dass es um die Würde des Menschen geht in allen seinen Lebensphasen? Ich bin ganz sicher, der leidende Papst hat vielen kranken und alten Menschen ein Beispiel gegeben und Mut gemacht, wie er überhaupt 26 Jahre lang uns begleitet, aufgerichtet, ermahnt und Hoffnung und Kraft gegeben hat.
Eines der ersten und programmatischen Worte des sehr dynamischen und agilen Papstes aus Polen ist mir noch in Erinnerung: „Fürchtet euch nicht! Öffnet die Tore weit für Christus!“ Und eines seiner letzten Worte war: „Ich bin froh, seid ihr es auch!“

Überaus beeindruckt haben mich die mehr als vier Millionen Menschen, die nach seinem Tod nach Rom gepilgert sind, um im stundenlangen Stehen in der Warteschlange Abschied zu nehmen von dem, den sie verehrt und ins Herz geschlossen hatten, zu dem sie aufgeschaut und dem sie vertraut hatten. Dieser Papst hat eine ganze Epoche geprägt und nicht nur Kirchengeschichte geschrieben, sondern auch Weltgeschichte beeinflusst.

Zu Herze gehend war für mich die Begräbnisfeier mit der Ansprache von Kardinal Ratzinger. So etwas hatte die Welt noch nicht erlebt: das größte Requiem aller Zeiten und vielleicht auch das eindrucksvollste. Neben rund 200 Staatsoberhäuptern und Regierungschefs, Königinnen und Königen, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen waren auffällig viele Vertreter zahlreicher Kulturen und anderer Religionen anwesend, viele Muslime und Juden, Hindus, Skis und Buddhisten, wie sie sich einst zu den großen Friedensgebeten in Assisi getroffen hatten.
Ich sehe heute noch den schlichten Zypressensarg und auf ihm das aufgeschlagene Evangelienbuch, wie die Seiten hin und her geweht und durchgeblättert wurden, bis es zuklappte, ein Bild von dichter, wahrhaftiger Symbolik. Ich sehe auch noch die „Santo subito“ Transparente auf dem Petersplatz. Sie dürften, wenn nicht alles täuscht, bald erhört werden. Ein ökumenisches Signal besonderer Art: Der evangelische Prior von Taize, Roger Schutz, empfing im Rollstuhl die hl. Kommunion aus der Hand von Kardinal Joseph Ratzinger. Das hat mich gefreut und es macht mir Hoffnung, dass auf dem Weg zur Einheit im Glauben doch noch manches möglich ist.
Stark berührt haben mich die Worte von Kardinal Ratzinger am Ende seiner Predigt.
Da lenkte er die inneren Augen der Menschen nach oben. Er sagte: „Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster im Haus des Vaters steht, uns sieht und uns segnet.“ Dann redete er den verstorbenen Papst direkt an: „Ja, segnen Sie uns, Heiliger Vater! Deine liebe Seele vertrauen wir der Mutter Gottes an, deiner Mutter, die dich Tag für Tag geleitet hat und dich jetzt zur Herrlichkeit deines Sohnes führen wird, zu Jesus Christus, unserem Herrn.“

Dann kam die Zeit des Konklave und das Warten auf den weißen Rauch und das Glockengeläut. Wieder waren die Augen der Weltöffentlichkeit auf Rom gerichtet. Mit vielen war auch ich gespannt. Das „Habemus papam“ erfuhr ich dann bei Meditationsexerzitien in der Schweiz. Ich war nicht wenig überrascht, denn bisher galt, wer als Papst ins Konklave einzieht, kommt als Kardinal wieder heraus. Das war diesmal nicht der Fall. Doch keine Regel ohne Ausnahmen. Ich habe mich gefreut, nicht nur weil es ein Deutscher war, den das Kardinalskollegium gewählt hatte, sondern weil mir sofort klar war, dass Kardinal Joseph Ratzinger als oberster Pontifex = Brückenbauer ganz anders agieren und sich verhalten könne, als in seinem Amt vorher, wo er als oberster Glaubenswächter manchmal auch durchgreifen oder Einhalt gebieten musste und deshalb autoritär, hart und streng wirkte. Aber wie viel hat er auch abgekriegt und einstecken müssen.
Auf mich hat er bei seinem ersten Auftreten und Segenspenden auf der Loggia wie befreit gewirkt. Der neu Gewählte, ein sonst eher verhalten und scheu wirkender Mensch, strahlte Freude und Heiterkeit aus.
Natürlich waren die alten Bedenkenträger und Ladenhüter der Kirchenkritik nach der Wahl mit ihren Warnungen, Ratschlägen und besserwisserischen Kommentaren sofort gefragt und zur Stelle. Keine Talkshow ohne Drewermann, Hasenhüttel, Küng, Heiner Geißler, Ranke-Heinemann und wie sie alle heißen, die gebetsmühlenartig nur auf den üblichen Reizthemen herumreiten, der Kirche gern die Leviten lesen und ständig alles mies reden. Doch manche Vorurteile über J. Ratzinger wird man wohl korrigieren müssen. „Wo haben wir in der Kirche Leute, die mit Jürgen Habermas diskutieren oder in die Academie Francaise aufgenommen werden“ fragte nach der Wahl zurecht Bischof Karl Lehmann. Inzwischen hat der neue Papst auch ein vierstündiges Gespräch mit Hans Küng geführt, von dem dieser selbst sagte, es sei nicht nur freundlich, sondern freundschaftlich gewesen.
Der münsteraner Theologe J. B. Metz sagte: „Joseph Ratzinger ist kein Fundamentalist, denn Fundamentalismus ist ein Zeichen der Dummheit.“ Ohne Zweifel ist J. Ratzinger einer der größten christlichen Gelehrten, einer der brilliantesten Intellektuellen, ein ausgezeichneter Analytiker, einer der klügsten Köpfe, hochintelligent und gebildet, aber auch ein sehr aufmerksamer Beobachter und guter Zuhörer, nah bei den Menschen, ihren Freuden und Leiden, Sorgen und Hoffnungen. Vor allem hat er eine große geistliche Tiefe und ist ein durch und durch spiritueller Mensch. Dazu sehr bescheiden, ja demütig und in der persönlichen Begegnung überaus liebenswürdig. Was wollen wir mehr. Ich jedenfalls bin zuversichtlich. Einen Besseren hätte man wohl kaum finden können. Der Hl. Geist war während des Konklave nicht in Ferien, wie manche meinten. Auch Johannes XXIII. galt nur als Übergangspapst und für welche Überraschungen hat er gesorgt!
Die Erwartungen waren und sind natürlich immens hoch. Manche haben auch die Vorstellung als könne der Papst alles von heute auf morgen ändern. Das ist ein populäres Missverständnis. Jeder Papst ist verwiesen auf die kirchliche Tradition, ist Teil eines Bischofskollegiums, repräsentiert eine Weltkirche und ein Sechstel der Erdbevölkerung. Und unsere deutsche Perspektive ist oft sehr eng und einseitig.

Mit dem langjährigen engsten Mitarbeiter des verstorbenen Papstes haben die Kardinäle Kontinuität und Prinzipienfestigkeit gewählt. Der neue Papst wird dort weitermachen - ohne zu kopieren, sondern auf seine Art - wo sein Vorgänger aufgehört hat. Er wird ein unbequemer Mahner sein müssen, wenn es um die Werte und die Würde des Menschen geht, die oft angezweifelt oder relativiert werden oder um falsche Anpassung an den Zeitgeist. Ein bloßes „Weiter so“ dürfte es mit dem neuen Papst allerdings auch nicht geben. Er wird neue Akzente setzen. Das ist gleich zu Anfang in der Liturgie seiner Amtseinführung deutlich geworden.
Ein Schwerpunkt dieses Pontifikates dürfte die Ökumene werden. Benedikt XVI. sucht den Dialog, die Begegnung. Er will zusammenführen, Einheit stiften, Frieden schaffen.
Die Zeit für Benedikt XVI dünkt mir günstig. Wenn nicht alles täuscht, gibt es eine Wiederkehr des Religiösen, eine Sehnsucht nach Transzendenz. Es geht dem neuen Papst um eine Revitalisierung des Glaubens. Ob allerdings die Kirche vor Ort und im Alltag diese Chancen nutzt und davon profitiert ist eine andere Frage. Möge Gott jedenfalls dem neuen Papst viel Kraft geben und ihm beistehen in der Ausübung seines schweren Amtes, das er mit 78 Jahren noch auf sich genommen hat. Es ist ja nicht nur Würde, sondern auch eine große Bürde.

Sehr betroffen gemacht hat mich auch der gewaltsame Tod von Roger Schutz, des Priors von Taize, der während des Weltjugendtages geschah. Dass ausgerechnet der Mann, der sich wie kaum jemand sonst für Frieden und Versöhnung eingesetzt hat, auf diese Weise ums Leben kommen musste? Gottes Wege sind manchmal sehr geheimnisvoll. Ich war öfters in Taize mit Jugendgruppen von Werne und Reute aus. Und singe in Gottesdiensten gern und oft Taizelieder. Interessant, dass der Begräbnisgottesdienst auf Wunsch der Brüder von Taize oder sogar des Verstorbenen im katholischen Ritus unter Leitung von Bischof Walter Kasper vollzogen wurde. Interessant auch, dass der Nachfolger von Roger Schutz und Vorsteher dieser ökumenischen Mönchsgemeinschaft jetzt ein Katholik und ein Deutscher ist.

Dann kam im August der Weltjugendtag in Köln, noch einmal ein kirchliches Großereignis, das zumindest hier zu Lande auch ein Medienereignis war. (Wann gab es das schon, dass Kirchliches so sehr wie in diesem Jahr die Nachrichtensendungen beherrschte, im Mittelpunkt des Medieninteresses war und Zeitungen, die sonst gerade mal an den großen Festen was Religiöses bringen, ganze Seiten freiräumten?) Es war ein Glaubensfest, fröhlich und innig zugleich. Sofort nach seiner Wahl sagte der neue Papst im Blick auf den WJT in Köln: „Ich komme.“ Und er, der in seinem vorigen Amt nie Applaus, sondern meist Hiebe und Häme geerntet hatte, erlebte von einer Million junger Menschen ein überaus herzliches Willkommen, Offenheit, ehrfurchtsvolles Zuhören, Wertschätzung, ja jugendliche Begeisterungsstürme. Schon in der Feier seiner Amtseinführung sagte er an die jungen Menschen gewandt: „Wer Christus in sein Leben einlässt, dem geht nichts verloren, was es frei, schön und groß macht. Habt keine Angst. Er nimmt nichts und er gibt alles. In seiner Freundschaft findet ihr das wirkliche Leben.“
In Köln kamen hunderttausende junge Menschen zusammen, die sich zum Glauben bekennen, ihn zu leben versuchen und dafür auch manche Strapazen auf sich nehmen. Verloren geglaubte Gebets- und Andachtsformen, die eucharistische Anbetung oder der Kreuzweg, auch das Bußsakrament fanden reichlich Interesse. Die Frage ist: Wie wird es weiter gehen? Wird es einen Aufbruch geben, neuen Elan, einen frischen Wind? Das hängt sicher auch von den haupt- und ehrenamtlichen Vertretern der Kirche ab, wie sie dieses hoffnungsvolle Potential zu nutzen verstehen. Werden wir bereit und fähig sein, auf dem guten Weg weiterzugehen, den der Weltjugendtag gezeigt hat?

Der stumme Ostersegen von Papst Johannes Paul II., die Millionen Pilger in Rom, das Requiem auf dem Petersplatz, das Konklave, die Amtseinführung des neuen Papstes, der Weltjugendtag in Köln: Die Bilder dieser Feiern und Ereignisse haben in Verbindung mit den liturgischen und biblischen Texten und Ansprachen auf mich einen mächtigen Eindruck hinterlassen und sind mir nahe gegangen, haben mich auch gestärkt und froh gemacht. „Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung“, sagte Papst Benedikt am Sonntag nach seiner Amtseinführung. Das ist genau das, was man in diesem Jahr in der Stadt der Päpste und in Köln, dem deutschen Rom, sehen und erleben konnte.
Ich muss sagen: Es ist schön, glauben zu können. Es ist schön, katholisch zu sein.

„Wenn Gott für mich ein Mensch würde,
dann würde ich ihn lieben – ihn ganz allein. Dann wären Bande zwischen ihm und mir, und für das Danken reichten alle Wege meines Lebens nicht. Ein Gott, der Mensch würde, gebildet aus unserem liebenswert elenden Fleisch – ein Gott, der erfahren wollte, wie der Salzgeschmack auf unserer Zunge schmeckt, wenn alles uns verlassen hat. Ein Gott, der das Leid auf sich nähme, das ich heute leide – Wenn Gott für mich Mensch würde, dann würde ich ihn lieben.“ (Jean Paul Sartre, ungläubiger Philosoph)


Gott ist Mensch geworden, einer von uns, unser Bruder, in Jesus.

Karl Rahner sagt: „Er ist gekommen. ER hat die Nacht hell gemacht. Er hat die Nacht unserer Finsternis, die Nacht unserer Unbegreiflichkeiten, die grausame Nacht unserer Ängste und Hoffnungslosigkeiten zur Weihnacht, zur heiligen Nacht gemacht. Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort in die Welt hieneingesagt. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.“


Von Herzen wünsche ich ein gnadenreiches Fest der Menschwerdung unseres Gottes,
Viel Licht und Hoffnung, viel Kraft und frohen Mut!
Und für´s Neue Jahr Gesundheit und Zufriedenheit und vor allem:

Gottes Schutz und Segen!

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