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Heiliger Martin, du leuchtendes Beispiel des Teilens, du
großes Vorbild praktizierter Nächstenliebe, wie hältst
du es beim ewigen Hochzeitsmahl aus neben den fünf
Frauen, die nicht bereit waren von ihrem Öl abzugeben?
Wie hältst du es aus, bei diesen fünf gar nicht braven
Mädchen, die sich geweigert haben, mit ihren Kolleginnen
schwesterlich zu teilen und ihnen aus der Patsche zu
helfen?
Ist ihr Verhalten nicht krasser Egoismus? Ist das nicht
mangelnde Solidarität unter Frauen? Wo bleibt da der
Teamgeist?
Außerdem: Wer vergisst nicht schon mal was? Wer denkt
immer an alles und hat immer alles im Blick? Wer ist
immer für alle Eventualitäten gerüstet? Es kann doch
nicht sein, dass die Pointe dieses Gleichnisses lautet:
Denkt an euch selbst und schickt die andern weg, oder?
Und das schlimme Ende dieses
Gleichnisses:
In einem Lied heißt es: „Lass herein, die draußen
sind! Gott heißt jeden Sohn und Kind.“ – Keine Spur
davon! Im Gegenteil!
Vergebliches Klopfen und Rufen, Ausschluss und Rauswurf.
Ist das nicht brutal hart und ganz arg grausam von dem
Bräutigam?
Ist der nicht total lieblos, eiskalt und gnadenlos?
Könnte es nicht doch noch ein Schlupfloch der
Barmherzigkeit geben, auch für die Leichtsinnigen und
Gedankenlosen, die Lahmsieder und Tranfunzeln?
Ob das „Ich kenne
euch nicht!“ wirklich das letzte Wort Jesu ist, der
doch auch dem reumütigen Schächer am Kreuz in letzter
Minute – trotz eines total verpfuschten und verkorksten
Lebens – noch den Eingang ins Paradies verspricht?
Ob der Bräutigam am Ende vielleicht doch noch die Tür
zum Hochzeitsaal einen kleinen Spalt offenlässt? Ob er
vielleicht nicht doch Mitleid hat auch mit den weniger
Klugen, Cleveren und Gewieften?
Liebe Mitchristen!
Bei der Vorbereitung dieses Vortrags bin ich auf zwei
andere Schluss-Varianten dieses Gleichnisses gestoßen.
Die erste
stammt aus dem Roman „Die letzte Versuchung“ von Nikos
Kazantzakis, dem großen griechischen Schriftsteller, der
durch „Alexis Sorbas“ weltberühmt wurde:
Nach einer Weile kamen die gedankenlosen Jungfrauen mit
den brennenden Lampen zurück und begannen, ans Tor zu
klopfen.
„Öffnet uns!“
riefen sie und baten, aber die verständigen Jungfrauen
drinnen lachten.
„Es geschieht euch recht“, antworteten sie,
„jetzt ist das Tor
geschlossen, geht eure Wege.“ Doch sie weinten und
baten: „Öffnet
uns, öffnet!“ – „Und da…“ Jesus hielt inne und
lächelte.
„Und da…?“,
fragte Nathanael, der mit offenem Mund zuhörte… „Und da,
Rabbi, was geschah da“?
„Was würdest du tun, wenn du der
Bräutigam wärst, Nathanael?“ fragte Jesus…- Nathanael schwieg. Er
sah noch nicht ganz klar, was er tun sollte. Teils
wollte er sie fortjagen…, teils taten sie ihm leid und
er wollte ihnen öffnen…
„Was würdest du tun, Nathanael,
wenn du der Bräutigam wärst?“
fragte Jesus von neuem…
„Ich würde öffnen…“, sagte er leise.
„Recht getan, Nathanael“,
sagte Jesus froh und streckte seine Hand aus, als ob er
ihn segnete.
Das Gleiche tat auch der Bräutigam. Er rief den Dienern
zu:
„Öffnet das Tor, dies ist eine
Hochzeit, alle sollen essen und trinken und fröhlich
sein! Lasst die gedankenlosen Jungfrauen hereinkommen
und sich die Füße waschen, denn sie sind weit gelaufen!“
Wie gefällt Ihnen dieser Schluss?
Mir gefällt er gut. Er bestätigt das Bild eines gütigen
Gottes, den Jesus uns immer wieder vor Augen stellt:
·
wenn er die Geschichte vom barmherzigen Vater erzählt,
der dem verlorenen Sohn alle Türen öffnet und ihn wieder
in sein Haus aufnimmt;
·
wenn er mehrmals das Wort des Propheten Hosea aufgreift:
„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“;
·
wenn er uns den Rat gibt:
„Bittet, dann wird
euch gegeben, klopft an, dann wird euch geöffnet.“
Ein sympathischer Schluss, nicht wahr? Er hat nur einen
Schönheitsfehler: Von diesem „Happy End“ steht nämlich
nichts in der Bibel.
Den zweiten Versuch,
das Gleichnis zu Ende zu erzählen, habe ich bei
Hermann-Josef Venetz, einem Schweizer Neutestamentler
gefunden:
Als der Bräutigam das Klopfen hört, ließ er sich
berichten, was geschehen war. Dann zog er die
Brautjungfern mit dem Reserveöl zur Rechenschaft und
sagte: „Warum habt
ihr euer Öl nicht mit den anderen geteilt?“
„Es hätte weder ihnen noch uns
gereicht“,
antworteten sie.
Darauf entgegnete der Bräutigam:
„Ist nicht das
Teilen viel wichtiger als das Licht selbst?“
– Und er öffnete die Tür, schickte die
Brautjungfern weg, die nicht bereit waren, ihr Öl zu
teilen, und lud die anderen zu seiner Hochzeitsfeier
ein.
Wie gefällt Ihnen dieser Schluss?
Auch nicht schlecht, oder? Originell und phantasievoll.
Das ist der Jesus, den wir kennen. Das entspricht dem,
was Jesus den Menschen immer wieder ans Herz legt:
·
wenn er die Geschichte vom barmherzigen Samariter
erzählt und zur Hilfsbereitschaft auffordert;
·
wenn er sagt: „Wer
dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den
weise nicht ab“;
·
wenn er deutlich macht, dass unsere Barmherzigkeit der
einzige Maßstab ist, an dem unser Leben gemessen wird:
„Ich war hungrig,
und ihr habt mir zu essen gegeben… Was ihr für einen
meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir
getan.“
Ein Jesus, der Solidarität predigt und vor Egoismus
warnt – das passt.
Doch leider: dieser Schluss findet sich auch nicht im
Evangelium.
Das echte Ende der Geschichte –
wir haben es gehört – klingt wenig herzlich. Es ist
hart, unbequem und provozierend.
Und doch gibt uns der Schluss, wie er im Evangelium
überliefert ist – gerade vor dem Hintergrund der beiden
anderen Versionen – zwei wichtige Impulse.
Der erste Impuls:
Vertrau auf einen gütigen Gott,
aber bleibe wach für seinen Anspruch!
Er ist nicht nur der liebe und barmherzige, der verzeiht
und ein Auge zudrückt, sondern immer auch der fordernde
und aufrüttelnde Gott, der ernstgenommen und gehört
werden will; der Gott, der uns fragt, was wir aus
unseren Möglichkeiten gemacht haben; der uns stört in
unserer Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit.
Der zweite Impuls:
Teile, so viel du kannst, aber
nicht die Verantwortung für dein Leben!
Für deinen Ölvorrat – um im Bild zu bleiben – bist du
ganz allein verantwortlich. Die Grundausrichtung deines
Lebens, deinen persönlichen Lebensentwurf, deine Ziele,
deine Werte kannst du nicht borgen und ausleihen. Die
Verantwortung für dein Leben kannst du nicht delegieren
und an andere übertragen.
Verhindern, dass du die Ölkrise kriegst und dein
geistliches Leben langsam ausbrennt, dass dein
Christsein nur noch auf Sparflamme brennt – das kannst
nur du allein.
Zeigen, dass du Feuer gefangen hast und dich für die
Sache Jesu begeisterst, dass das Licht deines Glaubens
leuchtet – das kann dir niemand abnehmen.
Ob du die Öl-Tankstellen Gottesdienst, Gebet,
Schriftlesung, Sakramenten-Empfang nützt, oder gute
Gespräche über den Glauben, erleben von Gemeinschaft in
der Gemeinde usw., ob du deinen Ölstand regelmäßig
prüfst und Reserven anlegst – das liegt allein an dir.
Das, was deine innere Flamme nährt und deinen Glauben
und Vertrauen lebendig hält, lässt sich nicht einfach
von anderen erledigen. Das ist ureigene Aufgabe von
jedem und jeder selbst.
Liebe Mitchristen!
Die zwei erfundenen Schlussversionen zum Gleichnis von
den zehn Jungfrauen passen meines Erachtens gut zu
Jesus, zu seiner Botschaft vom gütigen Gott und seiner
Aufforderung zum Teilen.
Die Impulse der unbequemen, aufrüttelnden dritten
Variante, die Matthäus uns in seinem Evangelium
überliefert, die hinterlassen jedoch den tiefsten
Eindruck, zumindest auf mich:
Vertrau auf einen gütigen Gott,
aber bleib wach für seinen Anspruch!
Teile, soviel du kannst, aber
nicht die Verantwortung für dein Leben!
Und heiliger Martin, was sagt du
nun?
Lebt nicht gedankenlos in den Tag hinein, sagst du.
Seht zu, sagt der, dass ihr am Ende nicht ohne Öl
dasteht, ohne das Öl lebendigen Glaubens, ohne das Öl
tragfähigen Vertrauens, ohne das Öl geduldiger Liebe!
Schaut, sagst du, dass ihr ein Leben führt, das reich
ist an Güte und Freundlichkeit.
Was sagst du noch, Martin?
Du sagst: Euer Auftrag und eure Berufung als Christen
sind unteilbar. Das, was euch für Jesu Kommen bereit
sein lässt, das, womit ihr ihm entgegen zu leuchten
vermögt, das lässt sich weder borgen noch kaufen, auch
nicht delegieren.
Am Ende könnt ihr nicht mit den guten Werken anderer
glänzen. Man kann Jesus nur mit dem eigenen Öl, mit der
je eigenen Sehnsucht und Wachheit erwarten.
Andere können Wegbegleiter zu Gott sein – gerade auch in
schwierigen Zeiten – den Weg aber muss jede und jeder
selbst gehen.
Danke, Martin! Und hilf uns zu leben wie du, zu lieben
wie du, zu handeln wie du! Ganz wach, ganz aufmerksam
und ganz entschieden!
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